Hauptbahnhof-Dach : Über kurz oder lang

53 Millionen Euro – die Zahl wiegt schwer, wenn man die Nachricht von der möglichen Vollendung des Glasdachs für den Berliner Hauptbahnhof hört. Das Gutachten des Bundestags sieht die Vollendung als machbar an.

Bernhard Schulz

53 Millionen Euro für etwas, was man einen Schildbürgerstreich nur mit Wohlwollen nennen kann, was viel eher in den Niederungen des menschlichen Charakters angesiedelt ist, im giftigen Streit nämlich zwischen Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und dem Architekten des Bahnhofs, Meinhard von Gerkan. Zwei Alphatiere sind da einander begegnet, und das eine, der Bahn-Lenker, der seinen unterirdisch schlechten Ruf beim Publikum längst als Markenzeichen genießt, hat sich damals brachial durchgesetzt, ließ das Glasdach von 430 auf 320 Meter kürzen und erwirkte gar noch den Klageverzicht des Architekten nach diesem Eingriff in dessen Urheberrecht, damit von Gerkan die notwendige Umplanung überhaupt noch selbst vornehmen durfte.

Aber wie das so ist mit Siegen – manch einer entpuppt sich als Pyrrhussieg. Danach sieht es beim Hauptbahnhof nunmehr aus. Das vom Bundestag veranlasste Gutachten, das am Freitag bekannt wurde, sieht die Vollendung des Daches als machbar an, beziffert nur leider die fälligen Gesamtkosten für die Bahn auf besagte 53 Millionen Euro; wovon aber allein 16 Millionen Euro auf die Anpassung von Fahrplänen, also auf den ureigensten Bereich von Mehdorns Bahn, entfallen. Vornehmerweise wird als Begründung für die Dachverlängerung herangezogen, dass einige Fahrgäste im Berliner Regen stehen, da die ICE-Züge über dessen gekappte Länge weit hinausragen.

Den Triumph, dass das Dach in seiner Mehdorn’schen Gestalt für jedermann sichtbar nur ein Rumpfstück ist und aus diesem ästhetisch-architektonischen Grund auf seine geplante Länge gebracht werden muss, diesen Triumph versagt das Gutachten dem Baumeister. Warum jetzt nochmals Öl ins Feuer gießen! Doch ist das der eigentliche Grund – und die Erklärung dafür, warum sich trotz Mehdorns Beschwichtigungen Politik und Öffentlichkeit auch nach zwei Jahren nicht mit dem Stummeldach abfinden wollen. Es ist zu kurz, es war von Anfang an zu kurz, und der angebliche Zeitdruck durch die Fußball-WM 2006 – nun, den müssen die Bahnbenutzer durch zwei bis drei Monate Teilsperrung ausbaden, nicht sogleich, sondern in ein paar Jahren, denn so lange dauert die Umplanung – vor allem aber die Umplanung der Fahrpläne. So lehrt uns die Glasdach-Komödie nebenbei noch einiges über den Zustand des europäischen Bahnbehördenwesens. Und die 53 Millionen? Die gehen a conto Mehdorn’scher Machtdemonstration. Und a conto derer, die ihn seinerzeit nicht haben stoppen wollen und vielleicht deshalb jetzt so leichthin das Mehr-Geld versprechen.

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