Meinung : Hinter tausend Stäben

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Kürzlich war hier von den vielen Steckenpferden Gerhard Schröders die Rede, doch eins, das überwölbende, fehlte: die Lyrik. Frau Doris hat jetzt anlässlich der bevorstehenden Afrikareise des Kanzlers den Blick auf sein Lieblingsgedicht gelenkt, Rilkes „Panther“, jene hermetischen Zeilen, die er sogar auswendig rezitiert, wenn er feine Kulturmenschen in seiner Umgebung weiß: „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/so müde geworden, dass er nichts mehr hält./Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/und hinter tausend Stäben keine Welt.“ So fängt das Werk an, und wir erkennen es sofort als Kanzlergedicht par excellence. Denn was könnte den Amtsinhaber in den Zeiten der entscheidenden Vermittlung mehr quälen als all die Stäbe? Führungsstäbe, Leitungsstäbe, Brennstäbe, alles braust umher, und ER dreht sich mit: „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte/der sich im allerkleinsten Kreise dreht,/ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,/in der betäubt ein großer Wille steht.“ Ob Rilke, so fragen wir betäubt, hier schon damals nicht nur den großen Willen, also die Sozialdemokratie, sondern auch ihre wachsende Erstarrung voraussah? Der Kanzler aber möchte die Stäbe durchbrechen, möchte seine Kraft bündeln, seine Zähne in einen vorwitzigen Stoiber schlagen, eine Merkel reißen, aaaah! Na, vielleicht irgendwo in Afrika.

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