Hitler-Stalin-Pakt : Der weiße Fleck

Am 23. August jährt sich der "Teufelspakt" zwischen Hitler und Stalin. Statt die Opfer gegeneinander aufzurechnen, sollten wir erkennen, dass zum europäischen Erinnerungskanon die Erfahrungen unter beiden totalitären Diktaturen gehören.

Heinrich Olschowsky
Josef Stalin und Joachim von Ribbentrop am 24. August 1939
Josef Stalin und Joachim von Ribbentrop am 24. August 1939Foto: dpa

Wie erinnert man angemessen die Opfer beider totalitären Diktaturen im 20. Jahrhundert, des Kommunismus und des Nationalsozialismus? Die Frage ist zu wichtig, zu verzwickt und verzweigt, um sie als Lappalie abzutun. Ein besonderer Anlass, sich diesem Problem zu stellen, ist der Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August 1939. Anders als im kulturellen Gedächtnis Ostmitteleuropas ist der Pakt in der linken deutschen Erinnerungskultur fast ein Tabu. Unausgesprochen scheint noch immer die Vorstellung lebendig, Antifaschismus und Antistalinismus schlössen einander aus. Im April 2009 beschloss das Europäische Parlament die Einrichtung eines gesamteuropäischen Gedenktages, der an den Nichtangriffspakt zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion erinnern soll. Diesem Unternehmen wird nun von bestimmter Seite Einseitigkeit vorgeworfen, es wird missbilligt, weil es „ausschließlich politischen Interessen dient“ und weil es den Holocaust relativieren würde, schrieb der Zeithistoriker und längjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz. Als Ideengeber des Beschlusses werden dubiose baltische Emigranten in den USA ausgemacht, die die Interessen „militanter Antikommunisten“ bedienen. Damit ist das Anliegen ins Zwielicht gerückt, man denkt sofort an baltische Barone und das Klischee, wonach Emigranten nicht vergessen und nichts dazugelernt haben. Einmal abgesehen davon, dass die sowjetische Propaganda mit Vorliebe die Exilbalten als Kollaborateure der Nazis anschwärzten. Dass die Entschließung des Europäischen Parlaments eine Idee der Prager Erklärung vom Juni 2008 aufgreift, zu deren Erstunterzeichnern Václav Havel, Joachim Gauck, Vytautas Landsbergis und andere gehörten, sollte allerdings nicht verschwiegen werden.

Der Hitler-Stalin-Pakt war das Einfallstor zum Zweiten Weltkrieg

Nun könnte man fragen, inwiefern ist dieses Datum besonders wichtig? Der Hitler-Stalin-Pakt war das Einfallstor zum Zweiten Weltkrieg, er erleichterte Hitler den Überfall auf Polen am 1. September 1939 und veränderte nachhaltig die Landkarte Europas. Die im geheimen Protokoll vereinbarte Aufteilung der Interessensphären hob die Friedensordnung in Osteuropa aus den Angeln; es folgte die „vierte Teilung“ Polens, wie es Bertolt Brecht klipp und klar genannt hat, und die zwangsweise Einverleibung Litauens, Lettlands und Estlands in die Sowjetunion. Für unzählige Menschen und die Völker war das eine Katastrophe: politische Gleichschaltung, Russifizierung, physischer Terror gegen die Führungsschicht, Deportationen waren an der Tagesordnung. Für die linken Sympathisanten im Westen hatte Stalins machtpolitische Kehrtwendung alle ideologischen Selbstverständlichkeiten auf den Kopf gestellt.

Auch für Brecht, der auf der Flucht vor den Nazis im schwedischen Exil die Ereignisse beobachtete und im Arbeitsjournal folgendermaßen kommentierte. Mit dem Pakt habe die Sowjetunion gegenüber dem Weltproletariat „das fürchterliche stigma einer hilfesleistung an den faschismus“ auf sich geladen. Die Kritik war unmissverständlich und zugleich – auf deutsche Weise – abstrakt, kein Wort über die Proletarier jener Länder, deren Geschicke bei dieser Gelegenheit verhökert worden waren. Über den „Prawda“-Artikel, der die Besetzung des östlichen Polen als Befreiung der slawischen Brüder (Weißrussen und Ukrainer) rechtfertigte, höhnte Brecht, er sei „wie von hitler revidiert“. Aus der Kritik an Stalin öffentlich Schlussfolgerungen zu ziehen, gestattete er sich jedoch nicht. Es blieb beim Schubladentext. Auch in Sebastian Haffners späteren scharfsinnigen Analysen der Strategien Hitlers und Stalins („Der Teufelspakt“, 1988) fand sich kein Platz für die Schicksale der Einwohner Zwischeneuropas, der Polen, Litauer, Juden, Letten, Esten, die die Zeche für die Übereinkunft der Diktatoren zahlten. Für sie wechselte die Unterjochung durch Stalin und Hitler bis 1945 drei Mal und war mit der Kapitulation des „Dritten“ Reiches nicht zu Ende. Über Jahrzehnte hin durften der Pakt und seine Folgen im Lande nicht benannt und nicht erinnert werden. Und international herrschte mitten im Kalten Krieg ein Burgfriede zwischen den westlichen Demokratien und der stalinistischen Siegermacht. Man übernahm im Westen, fallweise mit Bauchgrimmen, die sowjetische Darstellung des Krieges, überging mit Stillschweigen die peinliche Komplizenschaft des Pakts und selbst im Fall des Massakers von Katyn folgte man wider besseres Wissen der sowjetischen Version. Moral und Wahrheit waren suspendiert gleichsam als Gegenleistung für den Beitrag der Sowjetarmee zur Niederschlagung des Faschismus.

In den siebziger Jahren gelangte ein mythisierter Mitteleuropabegriff auf die westliche Bühne

Unter diesen Umständen verschwand das Schicksal Ostmitteleuropas aus dem Blickfeld des politischen Kalküls und der moralischen Aufmerksamkeit des Westens. In der Region zwischen Deutschland und Sowjetrussland verfestigte sich indessen das Syndrom „kleiner Völker“, vergessene Opfer zu sein. Dieses Motiv findet sich in der polnischen Poesie (Szymborska, Zagajewski) geistreich und ohne Selbstmitleid variiert. Und bis heute herrscht eine auffällige Asymmetrie der Erinnerung an das Zeitalter der Extreme zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil Europas. Dem soll die Einrichtung eines gesamteuropäischen Gedenktages ein Ende setzen, was Benz allerdings für einen störenden Griff nach Deutungsmacht in eigener Sache hält.

Die Fokussierung auf die Emigranten suggeriert zudem, dass die Angelegenheit die Gesellschaften der betroffenen Länder selber kaltlasse. Das Gegenteil ist richtig. Namhafte Intellektuelle haben sich von den ersten Nachkriegsjahren bis heute dazu geäußert – der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz, der Litauer Tomas Venclova, oder Milan Kundera. Stalin ließ sich sein Stillhalten von Hitler mit etwas bezahlen, was beiden nicht gehörte. Völkerrechtliche Verträge, politische Moral, sittliche Norm wurden brutal beiseitegeschoben. Die feindlichen Zwillinge demonstrierten einträchtig vor aller Welt: Macht geht vor Recht. Das mag Milosz bewogen haben, von „einer Kompromittierung der gesamten europäischen Kultur“ zu sprechen.

In dem weltweit bekannt gewordenen Essay „Verführtes Denken“ (1951/53) leitete Milosz das Kapitel über die baltischen Völker mit folgender Szene ein. Seine Beschäftigung mit dem Geschick der Litauer, Letten und Esten sowie mit dem Los der Häftlinge der sowjetischen Zwangsarbeitslager habe seinen Freund, einen Verehrer der „Moskauer Dialektiker“, zu folgender Warnung veranlasst: „Am Ende deiner Tage wird Jupiter den Finger heben und sagen: Du Narr! Du hast dein Leben damit vertan, dich über Nichtigkeiten aufzuregen!“ Nichtigkeiten! Ist das die Perspektive, der auch renommierte deutsche Historiker von heute folgen möchten?

Vom weißen Fleck im Bewusstsein seiner Landsleute sprach Tomas Venclova auf dem Treffen der Nobelpreisträger Milosz, Szymborska und Grass im Jahr 2000 in Wilna. Dieser weiße Fleck sei nicht allein das Resultat der Praktiken des Sowjetregimes gewesen, das die Vergangenheit auszulöschen und der Gesellschaft eine geschichtslose Mentalität einzupflanzen trachtete, es zeige sich darin auch das Recht der Opfer von Gewalt, erlittene Gräuel nicht erinnern zu wollen. Daneben verwies er auf einen paradoxen Effekt der totalen Zensur: „Erinnerung wird eines der Lieblingswörter des Nationalismus“, was ihn beschäme. Denn der kategorische Kult nationalen Erinnerns paralysiere die Kultur und gebe ihr den Anschein „einer hängen gebliebenen Schallplatte“.

Ob bei alldem die eine oder andere Totalitarismustheorie bestätigt wird, erscheint als unerhebliche Haarspalterei. In der Sache geht es um historische Gerechtigkeit. Darum also, die konkreten und besonderen Erfahrungen, die man in Ostmitteleuropa mit beiden totalitären Diktaturen hat machen müssen, nicht als peripheren Schnörkel abzutun, sondern in einen gesamteuropäischen Erinnerungskanon zu integrieren. Unterschiede sollen dabei keineswegs eingeebnet, aber die eklatante Einäugigkeit sollte nicht länger als die Norm ausgegeben werden.

In den siebziger Jahren gelangte ein mythisierter Mitteleuropabegriff, gekoppelt mit dem Holocaust-Narrativ, auf die westliche Bühne. Und im Westen, speziell in Westdeutschland, spielte die Auseinandersetzung mit der Shoa eine zunehmend wichtige Rolle – so stellen es Tony Judt und Timothy Snyder in ihrem Buch „Nachdenken über das 20. Jahrhundert“ dar. Aus diesem Blickwinkel nun wurde die problematische Geschichte Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert darauf reduziert, was sich mit dem Holocaust in Verbindung bringen ließ. Alles andere dagegen wurde kaum wahrgenommen und also nicht verstanden. Nun ist der Knäuel diffiziler sozialer, ethnischer, kultureller Spannungen und Konflikte in der Region für einen Außenstehenden in der Tat nur schwer zu durchschauen. Folglich wurde diese Welt im Westen gemäß den eigenen Bedürfnissen regelmäßig umgeschrieben. Vielleicht ist also das tiefste Motiv für die Einrichtung eines solchen Gedenktages nicht die Absicht, eine konkurrierende Erinnerung zu etablieren, sondern der Wunsch der Osteuropäer, nicht bloß Anteilnahme (und Geld) zu bekommen, sondern verstanden zu werden. Um ihrer selbst, ihrer einschneidenden Erfahrungen willen verstanden zu werden, und nicht im Interesse dieses oder jenes Projekts des Westens. Das Bedürfnis vernachlässigter Opfergruppen, wahrgenommen zu werden, hält Benz für legitim und dem Frieden dienlich, aber er unterstellt, diese würden sich vordrängen und einen ihnen nicht gebührenden Platz in der Opferhierarchie, die vom Holocaust bestimmt ist, einnehmen wollen. Über den „richtigen Platz“ wissen die Vertreter eines differenzierten Geschichtsbildes Bescheid. Sie haben die Opferhierarchie festgelegt und meinen, die pure historische Realität würde diese diktieren. Indessen, scheint mir, ist es ein ideologisches Konstrukt, man könnte sagen, eine Art säkularer Monotheismus. Wer nämlich eine Hierarchie der Opfer postuliert, fordert zwangsläufig einen Wettstreit verschiedener Opfergruppen heraus. Denn welche Gruppe wird sich damit abfinden, die eigenen menschlichen Verluste, das Leid, die Verachtung und Entwürdigung als Opfer zweiten oder dritten Grades klassifiziert zu sehen? Und so stellt sich die Frage: Gibt es ein wichtiges und ein weniger wichtiges Leid, brauchen wir eine Opferhierarchie, um ein moralisches geschichtliches Urteil fällen zu können?

Nicht nur für die Historiker, für alle die Erinnerungskultur gestaltenden Kräfte käme es darauf an, die Differenz zwischen der wissenschaftlichen Analyse und Deutung einerseits und den „uneinholbaren Primärerfahrungen“ andererseits festzuhalten und zu bedenken. So ließen sich auch „plurale Erinnerungsräume zusammenführen, ohne sie zu vermischen“ (Reinhard Koselleck) oder unter einen einzigen gemeinsamen Nenner zu zwingen. Andernfalls müssten die Völker Ostmitteleuropas, nun unter freien, demokratischen Verhältnissen, ihr kollektives Gedächtnis den Deutungsmustern Deutschlands oder Russlands angleichen, müssten sich über ihre ureignen Erfahrungen belehren lassen und darüber, wessen sie gedenken und was sie lieber bleiben lassen sollten. Dies gleichsam als Voraussetzung, um sich gleichberechtigt in einen europäischen Erinnerungskanon einzuschreiben. Hat sich das Europäische Parlament also geirrt? Sollten wir den Teufelspakt vergessen, weil ihn zu erinnern von politischen Erwägungen nicht frei zu halten ist?

Heinrich Olschowksy ist emeritierter Professor für Polonistik an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Heinrich Olschowksy ist emeritierter Professor für Polonistik an der Humboldt-Universität zu Berlin.promo