Meinung : Höher, schneller, weiter – aber sicher

Noch nie mussten Olympische Spiele so umfassend gegen Terror geschützt werden

Benedikt Voigt

Für die Welt haben die 28. Olympischen Spiele gestern Abend mit der großen Eröffnungsfeier begonnen. Der Einzug der Olympioniken aus den vielen Ländern rund um den Erdball, das allegorische Schauspiel der Geburt der griechischen Nation – mehr als drei Stunden dauerte die Zeremonie im Athener Stadion.

Für die Griechen freilich begannen die Spiele bereits am 1. Juli – mit all ihren im Alltag spürbaren Begleiterscheinungen. An diesem Tag trat das größte und teuerste Sicherheitsprogramm in Kraft, das jemals Olympische Spiele vor Terroranschlägen geschützt hat. Seitdem patrouillieren Nato-Schiffe an der Küste. An drei Orten in Athen, darunter in der Nähe des olympischen Dorfes, haben die Griechen mehrere Dutzend Flugabwehrraketen stationiert. Die Geschütze vom Typ „Patriot“ bleiben bis zum Ende der Spiele am 29. August in Stellung. Über Athen wachen ein surrender Zeppelin und drei knatternde Polizeihubschrauber, im Hafen von Piräus kontrollieren Polizeiboote die Schiffe, unter Wasser untersuchen Polizeitaucher das Hafenbecken. Willkommen bei den Militärspielen von Athen.

Das Thema Sicherheit hat den Charakter der Olympischen Spiele verändert. Sie entwickeln sich vom Fest zur Festung. Wie fröhlich kann eine Party sein, die von 70 000 Sicherheitskräften beschützt werden muss? Es sieht ganz danach aus, als seien die Spiele von Sydney im Jahr 2000 für lange Zeit die letzten gewesen, die unbeschwert gefeiert werden konnten.

Zwar gehört das Thema Sicherheit seit dem von Tod von elf israelischen Geiseln in München 1972 zu den Spielen. Doch erst seit den Terroranschlägen vom 11. September dominieren die Schutzmaßnahmen das größte Sportfest der Erde. Wer die Welt erschüttern will, kann das am besten an dem Ort tun, an dem sie sich zum Feiern versammelt hat. Die Spiele müssen dafür vorbereitet sein.

Das hat natürlich auch negative Auswirkungen. 1,2 Milliarden Euro musste die griechische Regierung für die Sicherheit ausgeben, vier Mal so viel Geld wie noch Sydney dafür ausgegeben hatte. Die Spiele sind teuer geworden. Künftig werden nur noch große, reiche Nationen sie sich leisten können. Griechenland ist dafür fast zu klein, die Steuerzahler unter den zehn Millionen Griechen werden im nächsten Jahrzehnt die Rechnung bezahlen; derzeit beläuft sie sich auf 6,4 Milliarden Euro.

Auch das Doping gehört zu den ersten Olympischen Sommerspielen des 21. Jahrhunderts. Gestern bestimmte der bizarre Fall der beiden griechischen Sprintstars Konstadinos Kenteris und Ekaterini Thanou die Schlagzeilen, die sich einer Dopingkontrolle entzogen haben. So wird es in den nächsten zwei Wochen weitergehen, weil das Internationale Olympische Komitee die Dopingbekämpfung intensiviert hat. Dieses Bemühen ist eine erfreuliche Entwicklung, sendet aber zugleich eine negative Botschaft aus. Jeder Dopingfall verdeutlicht, dass sich bei den Spielen auch die Betrüger treffen.

Die Olympischen Spiele stehen in Athen vor einem Wendepunkt. Es könnte sein, dass sich das seit Jahrzehnten gestiegene Interesse an ihnen wieder abschwächt. Schon jetzt beklagt Athen, dass weniger Touristen kommen als erwartet. Die Griechen, die sich als Erfinder der Spiele verstehen, haben in diesem Jahr jedoch eine historische Chance. Sie können das Bild künftiger Spiele prägen – wenn es ihnen gelingt, mit Freude und Begeisterung am Sport das unverzichtbare Militär und die Betrüger in den Hintergrund zu drängen. Wenigstens für die nächsten zwei Wochen.

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