Meinung : „Ich bin ein Diener des Staates“

Paul Kreiner

Im Vergleich zum monatelangen Gewürge davor erfolgte die Lösung des Problems Nationalbank nachgerade blitzartig. Schon zehn Tage nach dem „freiwilligen“ Rücktritt von Antonio Fazio, mitten in der weihnachtlichen Ferienruhe und unter dem Beifall aller Parteien, wurde Mario Draghi am Donnerstag als neuer Gouverneur der Banca d’Italia benannt.

Einhellig entschieden sich die Regierung und der Verwaltungsrat der Nationalbank für den 58-Jährigen, der seit 2002 als Vizepräsident der US-Investmentbank Goldman Sachs in London arbeitet. Gestern hat der Staatspräsident Draghi zum Nationalbankchef ernannt. Dessen Zustimmung galt ohnehin als sicher: Carlo Azeglio Ciampi und Mario Draghi schätzen sich gegenseitig aus Zeiten früherer, enger Zusammenarbeit.

Ciampi, bis 1993 selbst Gouverneur der Nationalbank, hatte Draghi als Berater ins Haus geholt. Danach wechselte Ciampi an die Spitze des Finanzministeriums, und Draghi wechselte als Generaldirektor mit. Der Finanzexperte und Universitätsprofessor mit Studien in Rom und Boston machte sich zum Motor der umfangreichen Privatisierungen, mit denen Italien seine Staatswirtschaft umkrempelte. Für Ciampi und das Land putzte Draghi danach Klinken in den europäischen Hauptstädten: Es galt, die EU von der Euro-Würdigkeit und -Fähigkeit Italiens zu überzeugen. Als diese Arbeit 2001 mit Erfolg beendet war, ging Draghi.

Von sich selbst hat Draghi nie viel hergemacht, jedenfalls nach außen nicht. Er sah sich selbst als „Diener des Staates, das heißt von allen, und über den Parteien“. Er wird als stiller „Sherpa“ beschrieben, der vor lauter Lastentragen aber nie vergessen hat, sich einen eigenen Weg nach oben zu bahnen. Mit besonderem Bedacht hat Draghi seine Freund- oder Seilschaften in allen politischen Lagern gepflegt. So konnte Romano Prodi von der Opposition jetzt gelassen sagen, Draghi sei „ja aus meinem Umfeld“, und Regierungschef Berlusconi auf der anderen Seite konnte Draghi als den „einzigen vermittelbaren Kandidaten“ im zerstrittenen Regierungsbündnis bezeichnen.

Draghi hat damit nach Ansicht von Beobachtern das Zeug, die Glaubwürdigkeit der italienischen Nationalbank wiederherzustellen. Das heißt: Als Ganze war sie eigentlich nie beeinträchtigt. Die Kritik in den vergangenen Monaten richtete sich fast ausschließlich gegen den Gouverneur Antonio Fazio persönlich, der sich selbstherrlich in das Netz eines mutmaßlich kriminellen Bankiers hatte verstricken lassen. Der 9000-köpfige Beamtenapparat der Nationalbank selbst, diese Kaderschmiede der italienischen Staatsfinanz, galt immer schon als korrekt, unbestechlich und ehrbar – eine der wenigen Einrichtungen des Staates, der die Bürger Respekt entgegenbringen.

Wäre Fazio aber noch länger geblieben, hätte sich die chronische Verärgerung der Italiener über ihre Banken auf die Nationalbank selbst übertragen. Es hatte sich ja einiges angestaut: Beim Zusammenbruch der Lebensmittelkonzerne Cirio und Parmalat 2003/2004 zum Beispiel sahen sich Zehntausende von Anlegern um ihre Ersparnisse betrogen – von Banken, die buchstäblich bis zum letzten Tag vor der Pleite noch Anleihen dieser Unternehmen verkauften, und dies unter den Augen der Nationalbank und ihres Präsidenten Fazio.

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