Meinung : „Ich bin reif für die Insel …

Nicola Kuhn

… in der Mitte von Berlin.“

Einem Staatsakt kommt es gleich, wenn morgen Nacht die berühmteste Berlinerin ihren Standort wechselt. Ein Sicherheitstransport mit geheim gehaltener Wegstrecke wird die Schöne vom Kulturforum auf die Museumsinsel geleiten, wo sie am Freitag ihren großen Auftritt hat. Eine Büste nur, aus Gips und bunt bemalt, vermutlich ein Arbeitsmodell für den Oberbildhauer des Armana-Reiches – und doch ist sie der Star des Ägyptischen Museums. Für vier Jahre zieht die Sammlung ins Alte Museum ein, bevor sie ihre endgültige Bleibe wenige Meter Luftlinie entfernt im fertig gestellten Neuen Museum findet. Dieser vorläufige Wechsel wird zelebriert und die Ausstellung des wichtigsten Schaustücks geradezu majestätisch inszeniert.

Nofretete, die Schöne, wird dann ihr königliches Haupt bereits dem vom Lustgarten eintretenden Besucher entgegenrecken. Schon von der Schinkeltreppe aus ist die Herrscherin in ihrem Glasschrein quer durch die Rotunde zu erblicken. Zweihundert Quadratmeter Ausstellungsfläche sind ihr im Mittelsaal reserviert, damit das Publikum ohne Gedränge seine Aufwartung machen kann. Allein am alten Standort in Charlottenburg kamen jährlich 350 000 Besucher, im Alten Museum rechnet Direktor Dietrich Wildung mit einer halben Million.

Berühmt war Nofretete zu Lebzeiten schon. Der Frau des Herrschers Echnaton, deren Todesjahr 1338 vor Christus gesichert ist, wurde bereits damals gehuldigt, wie ein Hymnus zum Einzug in Amarna dokumentiert: „Die Schöne und Herrliche mit der Federkrone, … man jubelt, wenn man ihre Stimme hört, Herrin der Lieblichkeit, groß an Beliebtheit.“ Dass sie auch anders konnte, zeigt ein heute im Kunstmuseum Boston aufbewahrter Steinblock aus Hermopolis. Auf ihm hält Nofretete einen Feind an den Haaren gepackt und erschlägt ihn eigenhändig mit einer Keule. Vermutlich übernahm sie nach dem Tod ihres Mannes für einige Jahre sogar die Regentschaft.

Heutige Betrachter bewundern vor allem die vollendete Schönheit der großen Ägypterin, ihre ungebrochene Anziehungskraft. Das ausdrucksstarke Gesicht mit der schmalen Nase, den vollen Lippen, den geschwungenen Brauen und den von Kajal umrandeten Augen gilt bis heute als Ideal. Als der Ägyptologe Ludwig Borchardt sie vor 93 Jahren 300 Kilometer südlich von Kairo aus dem Wüstensand von Tell al Amarna hob, notierte er hingerissen in sein Grabungstagebuch: „Beschreiben nützt nichts, ansehen.“

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