Meinung : „Ich fühle mich bereit!“

Rudolf Balmer

Deutschland hat eine Kanzlerin. Bekommt Frankreich im Jahr 2007 eine Präsidentin? Die 52-jährige Sozialistin Ségolène Royal stellt sich dieser Herausforderung in einem Land, das die Frauen in der Politik trotz Gleichstellungsgesetz bisher als „quantité négligeable“ behandelt hat. Populär war die ehemalige linke Ministerin und gegenwärtige Vorsitzende der Region Poitou-Charentes schon lange. Jetzt will sie beweisen, dass hinter den schmeichelhaften Umfrageergebnissen, die sie als klare Favoritin der Linken sehen, mehr steckt als bloß ein „Hype“ der Medien.

Royal weiß, dass sie nichts geschenkt bekommt. Stolpersteine auf dem langen Weg zur eventuellen Nominierung als Kandidatin bei den Präsidentschaftswahlen im Frühling 2007 werden ihr auch eigene Genossen vor die Füße werfen. Denn an Rivalen unter den „Elefanten“ der Parteiprominenz, die selber gern das höchste Amt erobern möchten, mangelt es nicht.

Mit „Ségo“ hatten sie allerdings nicht gerechnet. Selbst ihren Lebensgefährten François Hollande, den Ersten Sekretär der Parti Socialiste, hatte sie überrumpelt, als sie im Dezember ihre Ambitionen anmeldete: „Ich fühle mich bereit. Wenn die Dynamik anhält, was ich glaube, und wenn die Linkswähler es von mir wünschen, was ich hoffe, dann werde ich mich von selber durchsetzen.“

Nicht überrascht von dieser Selbstsicherheit sind einige Mitarbeiter im Regionalrat: „Ségo reimt sich auf Ego“, heißt es in Poitiers. Den autoritären Stil hat sie von ihrem Vater geerbt – ein strenger Berufsoffizier mit rechtsextremen Neigungen, der schließlich seine Frau und acht Kinder im Stich ließ. Über ihre harten Jugendjahre erzählt Ségolène Royal, die in ihrer Partei später wegen ihres eleganten, aber konformistischen Auftretens oft als „Bourgeoise“ verunglimpft wurde, nicht viel.

Als Reaktion entwickelte sie einen Hang zur Rebellion, und auch ein Engagement gegen jede Form der Unterdrückung. Laut François Hollande, den sie nach einem Ökonomie-Diplom in Nancy und einem Abschluss der Politischen Wissenschaften in Paris als Absolventin der berühmten Kaderschmiede ENA kennen lernte, war sie schon „mehr eine Feministin als Sozialistin“, als sie beide von François Mitterrand für dessen Wahlkampagne von 1981 angeworben wurden. Das Paar Hollande/Royal, das Seite an Seite politische Karriere machte und auch vier Kinder hat, wird durch Ségolènes Ziele einen Belastungsprobe ausgesetzt.

Sie setzt sich von Klischees und Konventionen ab. Als am letzten Sonntag Mitterrands Erben zu dessen zehntem Todestag nostalgisch vor dem Grab in Jarnac standen, flog Royal nach Chile, um dort die „Compañera“ Michelle Bachelet zu unterstützen. Auch sie ist Sozialistin, Offizierstochter und Präsidentschaftskandidatin in ihrem Lande. „Das ist eine mutige, kompetente und eine moderne Frau. Man bestreitet ihr das Recht und die Fähigkeit zu regieren. Aber diese frauenfeindlichen Angriffe überwindet sie mit ihrem Charisma“, sagte Royal über Bachelet. Die Komplimente für ihre chilenische Wahlverwandte hätten aber genauso auch als Selbstporträt gemeint sein können – und als Warnung an ihre eigenen Gegner zu Hause.

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