Ich habe verstanden : Alles eine Frage der Wahrnehmung

Unser Kolumnist Matthias Kalle gibt zu, dass er nichts über die Jugend weiß. Auch als er selbst noch ein Jugendlicher war. Aber das muss nicht schlimm sein, denn es gibt Phänomene auf dieser Welt, die man einfach nicht erklären kann.

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Matthias Kalle
Matthias KalleFoto: Mike Wolff

Ich las etwas über das Problem der Wahrnehmung, ich fand das ganz interessant. Es ging um die so genannte Müller-Lyer-Illusion, die bekannteste optische Täuschung, hat fast jeder schon mal gesehen. Für die meisten Menschen erscheint eine Linie zwischen zwei spitzen Winkeln kürzer als wenn dieselbe Linie an umgehrte Pfeilspitzen grenzt. Dieses Phänomen beobachtete der Soziologe Franz Müller-Lyer im Jahr 1989. Man weiß bis heute nicht, warum es dieses Phänomen gibt. Das Emmertsche Gesetz, so las ich im Internet, soll eine Erklärungsversuch sein, aber das Emmertsche Gesetz habe ich nicht verstanden.

Ein bisschen fürchte ich mich davor, dass ich schlecht schlafen werde, wenn ich alt bin, auch das ist übrigens ein Wahrnehmungsproblem: Die Hälfte aller Menschen über 65 Jahren schläft schlecht, einige Wissenschaftler glauben, dass habe mit der schlechteren Lichtwahrnehmung der Netzhaut zu tun. Dadurch gerät der Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander.

Aber müssen dann Jugendliche nicht auch furchtbar schlecht schlafen? So mit 15, 16 Jahren gerät doch auch der Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander, eigentlich sogar ganz massiv. Mit 15, 16 Jahren glaubt man ja, dass die Nacht schöner ist als der Tag. Dass das Leben in der Nacht spannender, aufregender, geheimnisvoller, lebenswerter sei – während es am Tag öde, langweilig und viel zu hell ist.

Vielleicht ist das aber auch Quatsch, man nimmt die Jugend ja auch schlecht wahr, aber damit sich das ändert, erscheint am kommenden Dienstag die „Shell Jugendstudie 2010“, es ist bereits sechzehnte, die bisher letzte erschien 2006. Diese Studie wird im Rahmen der Bundespressekonferenz vorgestellt, es ist der gleiche Rahmen, in dem auch das Buch von Thilo Sarrazin vorgestellt wurde, aber die Jugendstudie wird wahrscheinlich nicht das Auslösen, was das Sarrazin-Buch ausgelöst hat. Das ist im Moment das einzige, was man darüber mit Gewissheit sagen kann – alle Erkenntnisse der Studie werden bis Dienstag geheim gehalten. Wir müssen bis Dienstag warten, bis wir etwas über die Jugend wissen. So lange bleibt sie ein Geheimnis.

Ich weiß gar nichts über die Jugend. Das schreibe ich auch andauernd auf. Am wenigsten wusste ich über die Jugend, als ich selber zur Jugend gehörte – damals hatte ich von mir und von allen anderen keine Ahnung, und an diesem Zustand hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe mal bei einem Jugendmagazin gearbeitet. Alle, die dort gearbeitet haben, hatten keine Ahnung von der Jugend. Das Magazin wurde von den Jugendlichen geliebt und von Älteren gelobt, es gewann viele Preise, und ich glaube, das hatte auch damit zu tun, dass wir die Jugend nicht verstehen wollten.

Vor einigen Wochen habe ich die Jugendausgabe des ZEITmagazins gemacht, es ging um die Welt der 18-Jährigen, aber vor allem ging es darum, dass es keine Welt sondern nur Welten gibt, und dass diese Welten den 18-Jährigen gehören. Die leben da, nicht wir. Manche mochten diese Ausgabe nicht, aber ich bekam ein paar rührende Briefe von Menschen über 65, also von denen, deren Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander ist. Sie schrieben, sie würden sich über die Jugend von heute überhaupt keine Sorgen machen.

Im Süden Afrikas leben Buschleute, denen man die Meyer-Lyer-Illusion gezeigt hat. Sie antworteten, dass beide Linien gleich lang sind.

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