Ich habe verstanden : Das Ausfüllen der großen Leere

Eine ganz seltsame Woche, findet Matthias Kalle. Zur Fußball-WM der Frauen fällt ihm nichts mehr ein, zu Berichten der "Bild"-Zeitung über Suff-Eltern erst recht nicht. Doch es gibt auch etwas zu sagen über Dinge, die einen eigentlich sprachlos zurücklassen.

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Tagesspiegel-Online-Kolumnist Matthias Kalle.
Tagesspiegel-Online-Kolumnist Matthias Kalle.Foto: promo

Möglicherweise erwartet man jetzt, sofort, an dieser Stelle von mir einen launigen, ja beinahe lustigen - wenn nicht gar schlauen - kleinen Text über die Fußball-WM der Frauen, die am Sonntag in Berlin beginnt. Tatsächlich würde ich als regelmäßiger Leser dieser Kolumne dieses Thema geradezu einfordern, schließlich bietet es sich an, wie kein zweites, denn da ist ja alles drin: Frauen, Männer, Fußball, Klischees, dumme Witze, alte Vorurteile und dazu eine Berichterstattung in Bild und Ton und Text, die stellenweise fragwürdig, häufig zumindest seltsam anmutet. Jeder Journalistenschüler könnte daraus eine flotte Kolumne basteln.

Ich kann das aber nicht. Ich kriege das nicht hin, beim besten Willen nicht. Ich habe es nicht einmal versucht, weil mir dazu alles fehlt, vor allem fehlt mir ein Einstieg. Abgesehen davon fehlt mir dann noch der Mittelteil und der Höhepunkt - an einen Schlussgag ist gar nicht zu denken. Und das, obwohl ich jedes der gefühlten 245 Interviews gelesen habe, das Lira Bajramaj in der vergangenen Woche gegeben hat. Und das, obwohl ich alle Einlassungen zumeist männlicher Kommentatoren zu den Themenkomplexen Fußball und sexuelle Orientierung ja geradezu inhaliert habe. Nee, trotzdem, da ist nur eine große Leere in mir, wenn ich an dieses Thema denke.

Andere Themen erzeugen ähnliche Gefühle: seit Donnerstag berichtet die Berlin-Ausgabe der "Bild" von Vätern und Müttern, die sich die Hucke vollsaufen im Beisein ihrer Kinder. Das Boulevardblatt hat Reporter in Parks und auf Spielplätze zwischen Wedding und Pankow geschickt, damit die mit Berichten zurückkommen, in denen dann steht, dass ein Vater ein Bier getrunken hat, während sein Sohn im Sand buddelt. Vergangene Woche berichtete das Blatt bereits über elterliche Sauftouren im Beisein ihrer Kinder. Die zwei großen Feindbilder der "Bild" in dieser Zeit sind Suff-Eltern und Pleite-Griechen. Kaum vorstellbar, was das Blatt titeln würde, wenn sich ein Vater und eine Mutter im Beisein der Kinder mit Ouzo zuballern würde.

Aber auch das löst nichts in mir aus, die Kolumnistenreflexe funktionieren auch bei diesem Thema nicht. Vielleicht würden sie es tun, wenn ich generell der Meinung wäre, die Welt und die Menschen seien perfekt. Da ich aber im Besitz der Wahrheit über die Dinge des Lebens bin, erschüttert es mich nicht, nicht mehr, leider.

Ja, und dann war da noch der Streit über die Zulassung eines NPD-Funktionärs zu den Abschlussprüfungen an der Uni Potsdam. Am Donnerstag gab das Potsdamer Verwaltungsgericht einer Klage des 25-jährigen Ronny Z. gegen die Hochschule statt, die ein Praktikum nicht anerkennen wollte, dass der Politikstudent 2009 bei der NPD gemacht hat. Die Uni schrieb dazu: "Der Dekan konnte dem Praktikumsbericht des Studenten nicht entnehmen, welche an der Universität Potsdam erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten bei einer Partei, deren Verfassungstreue in Zweifel steht, eingeübt, überprüft oder ergänzt wurden." Das Verwaltungsgericht aber sagte, dass für die Anerkennung von Praktika allein der Prüfungsausschuss zuständig sei und dieser habe Ronny Z. zur Diplomprüfung (bestanden) zugelassen. Aufgrund dieser Verfahrensfehler gab das Gericht der Klage statt. "Gesinnungsfragen über politische Inhalte, die der Kläger vertritt, interessieren an dieser Stelle nicht", sagte der Richter. Das fällt als Thema für eine Kolumne, die den Namen "Ich habe verstanden" trägt, ja nun wirklich weg, ähnlich wie der Fall eines Mannes, der einen Kindergärtner verprügelt hat, weil die Kinder, die auf einem Spielplatz spielten, zu laut waren.

Ganz seltsame Woche, auch vom Wetter her. Ab Montag soll es ja besser werden.

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