Ich habe verstanden : Die Kraft der Symbole

Symbole haben in Deutschland wieder Hochkonjunktur, beispielsweise der Anti-Atomkraft-Button. Aber nicht alle Symbole taugen auch wirklich als solche, findet Matthias Kalle. Mit dem Guttenberg-Paar als Symbol für deutschen Glamour kann er nämlich gar nichts anfangen.

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Stephanie zu Guttenberg
Stephanie zu GuttenbergFoto: dpa

Komisch, oder? Im Moment hat ja vieles in Deutschland wieder Konjunktur, auch das Symbol, zum Beispiel der „Anti-Antomkraft“-Button. Den sieht man jetzt ja wieder häufig, und ich bin mir nicht sicher, ob den die Menschen echt 30 Jahre in der Schublade hatten, oder ob es irgendwo eine Firma gibt, die vor einigen Wochen ganz schnell, sagen wir, eine Millionen von diesen gelben Button wieder hergestellt hat. Und ist das dann wohl auch die Firma, die sich für die „Grünen“ das Symbol mit der Sonnenblume ausgedacht hat? Die Grünen haben ja auch wieder Konjunktur, man weiß nur nicht so genau, ob als Partei oder als Symbol.

Jetzt mal nur symbolisch: wen würden die Deutschen wohl eher zum Kanzler wählen: Jürgen Trittin oder Karl-Theodor zu Guttenberg? Trittin fehlt dazu wahrscheinlich noch das Ehefrau-Symbol, Guttenberg hat das ja bereits, gemeinsam sind die beiden, das Guttenberg-Paar, eh schon ein Symbol, jedenfalls wenn man davon ausgeht, das ein Symbol immer eine Vorstellung meint. Viele stellen sich beim Symbol „Guttenberg-Paar“ etwas Positives vor. Ich nicht. Das kann ich sogar begründen.

Am Donnerstag druckte „Bild“, das ist so etwas wie das Fanzine von Karl-Theodor zu Guttenberg und seiner Frau Stephanie, auf der letzten Seite Fotos, die Stephanie zu Guttenberg dreimal auf dem Münchner Oktoberfest zeigen. Einmal stößt sie mit ihrem Mann mit einer Maß Bier an, dabei lächelt sie genau so in die Kamera wie auf einem anderen Foto, auf dem sie neben ihrem Mann steht, der ein Luftgewehr so im Arm hat wie eine Geliebte. Auf einem großen Foto schließlich sieht man, wie Stephanie zu Guttenberg mit einem Luftgewehr an einer Bude schießt – das Blatt, dem Fanatismus bereits erschreckend nah mit dem Satz „Das glamouröse Polit-Paar ganz verschossen!“,  zitiert die Frau so: „Ich kann es deshalb so gut, weil ich aus einer Jägerfamilie komme.“

Nun ja. Gibt ja auch viele Menschen, die aus Arbeiterfamilien kommen, deshalb können die auch sehr gut arbeiten. Stephanie zu Guttenberg arbeitete mal als Model, ist allerdings schon eine Weile her, damals studierte sie noch Textilwirtschaft und BWL, heute findet sie Models irgendwie nicht mehr so gut, jedenfalls, wenn sie wenig anhaben. Heidi Klum zum Beispiel. Die wird von zu Guttenberg kritisiert – für ihre Sendung „Germanys Next Topmodel“ und für die Art, wie sie dafür wirbt.

Und natürlich hat Stephanie zu Guttenberg mit ihrer Kritik recht – wenn sie nicht symbolisch gemeint wäre. Recht hat sie deshalb, weil sie vor kurzem ein Buch veröffentlich hat, in dem es um Kindesmissbrauch geht und darum, wie man Kinder davor schützen kann. Dagegen ist nicht, gar nichts zu sagen. In dem Buch, dass in „Bild“ vorab gedruckt wurde, geht es aber auch um Popstars, um Lady Gaga, um Britney Spears, um Rihana, um Beyonce Knowles. Es geht darum, wie diese Frauen aussehen, darum, dass ihre Poster in den Kinderzimmen hängen – darum, dass Popstars heute aussehen würden wie Pornodarstellerinnen und sich auf der Bühne auch so bewegen. Es geht natürlich auch um Pornos im Internet – es geht schließlich also auch darum, dass unsere Jugend sexuell verwahrlost.

Abgesehen davon, dass das nicht stimmt – weil keine ernstzunehmende Studie diese Annahme belegt. Abgesehen davon, dass man sich fragt, warum Stephanie zu Guttenberg nicht bei Elvis angefangen hat, dessen Hüftschwung, dessen Bühnenauftritte, dessen ganze Erscheinung bereits vor 55 Jahren so sexuell aufgeladen waren, dass man sich im nachhinein wundert, warum nicht bereits zwei Generationen sexuell verwahrlost durch die Gegend rennen. Abgesehen davon, dass Stephanie zu Guttenberg auf der Bambi-Verleihung 2009 ein schönes Kleid trug, das ein schönes Dekollete machte, wogegen es absolut nichts zu sagen gibt, so wenig wie über die Outfits weiblicher Popstars – von all dem mal abgesehen: eine Frau, die sich also um das Wohl unserer Kinder und Jugendlichen sorgt, lässt sich mit einem Gewehr in der Hand fotografieren, während nach dem Amoklauf von Lörrach darüber diskutiert wird, ob es richtig ist, dass Sportschützen Waffen zu Hause haben.

Das finde ich irgendwie ziemlich unsexy. Kann aber auch sein, dass ich die Symbolkraft von all dem nicht verstehe. Ich glaube allerdings, eher nicht.

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