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Ich habe verstanden : Warum ständig über Prenzlauer Berg lästern?

11.11.2011 13:27 Uhrvon
Kastanienallee in Prenzlauer Berg.Bild vergrößern
Kastanienallee in Prenzlauer Berg. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es gibt in diesem Herbst nichts Langweiligeres, als über die Biedermeierlichkeit der Deutschen zu klagen und sich dabei über die Bewohner Prenzlauer Bergs lustig zu machen. Viel wichtiger ist das Thema Europa.

Ich habe ja total Probleme mit Deutschland. Es ist besser geworden mit den Jahren, früher war es viel schlimmer. Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, kritzelte ich auf die Tische meiner Schule „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“. Zum Teil wollte ich natürlich eine Reaktion provozieren, zum anderen dachte ich wirklich, dass das passieren müsste, dass es mir erst ohne Deutschland besser gehen würde.

Deutschland war für mich damals voller Nazis, es war die Zeit, als in Rostock und Solingen und Mölln und Hoyerswerda Jagd gemacht wurde auf Ausländer, vor allem aber war es auch die Zeit, in der man denkt, man sei ein „Linker“, man müsse aus Prinzip „dagegen“ sein, man habe die Wut auf die Verhältnisse exklusiv.

Und es war die Zeit, als Helmut Kohl noch Bundeskanzler war, als die deutsche Nationalmannschaft ganz schlimmen Fußball spielte, als die Menschen Marius Müller-Westernhagen für einen Rockstar hielten, sich Blondinenwitze erzählten und im Kino „Manta Manta“ schauten. Ein erfolgreicher Comic in diesen Jahre war „Werner“ - Geschichten über ein saufendes, rülpsendes, furzendes Männchen. Wie, um Himmels Willen, sollte man mit so einem Land keine Probleme haben, während sie in Frankreich Filme drehten, die einem zu Herzen gingen und gleichzeitig intellektuell forderten? Während die spannendste Musik in England gemacht wurde? Während die tollsten Bücher aus den USA kamen? Damals stand fest: Überall ist es besser, wo ich nicht bin.

In den vergangenen 20 Jahre hat sich einiges getan, aber auch heute habe ich Angst, wenn ich ein Auto sehe, aus dem eine Deutschland-Fahne hängt und „Stolz“ ist für mich immer noch keine Kategorie, das Wort hat für mich keine Bedeutung, es findet nicht statt, und jetzt also ist ein Buch erschienen mit dem Titel „Die deutsche Seele“. Ich habe dieses Buch nicht gelesen, ich habe das Interview im „Tagesspiegel“ gelesen mit den beiden Autoren: Richard Wagner und Thea Dorn, deren Name irgendein Wortspiel mit dem Namen Theodor Adorno sein soll, leider gibt es keine deutsche Übersetzung des englischen Leitsatzes „no jokes with names“.

In diesem Interview beklagt sich Thea Dorn unter anderem darüber, dass das Jubiläum zu 20 Jahre Mauerfall nicht würdig genug begangen worden sei – das ZDF habe daraus eine schlechtere Show gemacht als „Wetten, dass...?“, auch das Wetter sei schlecht gewesen, aber tatsächlich soll es ja Menschen geben, denen an einem 9. November nicht unbedingt nach Feiern zu Mute ist. Es geht dann auch, logisch, um Martin Luther, um das Luther-Bild im Allgemeinen und im Besonderen, dann um die Kirche und um Gott, und als der Interviewer Peter von Becker auch hier die richtige Frage stellt, nämlich ob die Autoren eine spirituelle Leere fühlen, sagt Dorn: „Absolut. Ich beobachte eine wachsende Ratlosigkeit, sich in der globalisierten Welt zu behausen und so etwas wie Heimat zu finden. Das führt in eine neue Biedermeierlichkeit mit ihren Retro-Nostalgien, obwohl äußerlich alles hipper aussieht als in den 50er Jahren. Ein Musterbiotop des neuen Biedermeier ist in Berlin der Prenzlauer Berg, wo gut situierte Nichtraucherfamilien Kinder kriegen, für die sie am liebsten schon in der Kita Riesterrenten abschließen würden.“

Abgesehen davon, dass im Herbst 2011 nichts langweiliger ist, als sich zum hundertsten Mal über den Prenzlauer Berg und seine Bewohner lustig zu machen, stammt die Bezeichnung Biedermeier in Verbindung mit Prenzlauer Berg von dem Journalisten Henning Sußebach und ist vier Jahre alt. Damals schrieb er im ZEITmagazin einen wegweisenden Text über das „Bionade-Biedermeier“ der Prenzlauer-Berg-Bewohner, und dieser Text war so gut, dass danach eigentlich nie wieder jemand darüber schreiben müsste.

Überhaupt: Muss man über Deutschland und dessen Seele schreiben? Ausgerechnet jetzt? Warum schreiben die Intellektuellen, zu denen sich Dorn und Wagner ja mit Sicherheit zählen, gerade nicht über Europa, über die Idee von Europa, über die Rettung dieser Idee? Vielleicht, weil Europa nie ein Sehnsuchtsort war, vielleicht überlässt man deshalb Europa gerade komplett den Politikern. Und vielleicht ist das, genau das, im Moment der größte Fehler.

Ich will nichts zu tun haben mit der deutschen Seele, ich gehe zum Bücherregal und greife nach Geert Maks Buch „In Europa“, das 1999 erschienen ist: Die Europareise eines Niederländers, aufgeschrieben auf tausend Seiten, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Großes Buch, große Idee.

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