Meinung : „Ich höre das Echo des Satans“

Thomas Roser

Eigentlich hätte er zur Zufriedenheit allen Grund. Denn nicht nur während der päpstlichen Visite sind die Gotteshäuser Polens prall gefüllt. Auch ein Jahr nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. gelten die Landsleute von Jozef Michalik als die eifrigsten Kirchgänger des Kontinents: Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern machen Polens katholischer Kirche keinerlei Nachwuchsprobleme zu schaffen.

Dennoch plagen den Vorsitzenden von Polens Katholischer Bischofskonferenz große Sorgen. Seit dem Tod des polnischen Papstes toben in seiner Kirche offene Richtungskämpfe. Das ratlose Episkopat vermag die Risse in den eigenen Reihen kaum mehr zu kitten. Die lange verdeckte Führungskrise ist auch dem vor zwei Jahren zu Polens Oberhirten gekürten Michalik anzulasten.

Mitten im Zweiten Weltkrieg, 1941, wurde Michalik im ostpolnischen Zambrow als Sohn eines Beamten geboren. Und schon früh entdeckte er seine Liebe zur Kirche. Der Klassenbeste sei täglich zur Messe gegangen, erinnern sich Mitschüler. Kein Wunder, dass er sich nach dem Abitur um die Aufnahme in das Priesterseminar in Lomza bemühte. 1964 zum Priester geweiht studierte er hernach Theologie in Warschau, später in Rom. 1986 wurde er vom Papst zum Bischof von Gorzow (Landsberg), 1993 zum Erzbischof von Przemysl ernannt.

Energisch mühte sich der konservative Kirchenmann fortan, die katholischen Kräfte zu unterstützen – und vergriff sich dabei manchmal im Ton. Ein Katholik habe die Pflicht, für einen Katholiken zu stimmen – genauso wie „ein Jude für einen Juden“, schrieb er Mitte der neunziger Jahre. Auch beim Streit um die Verschärfung des Abtreibungsrechts pflegte der heute vorsichtiger formulierende Kirchenmann ordentlich zu poltern. In den Argumenten der Gegner witterte er „das Echo des gegen Gott revoltierenden Satans“.

Als einstiger Vertreter des rechten Flügels ist der 65-Jährige im Lauf der Jahre ein wenig mehr in die Mitte von Polens erzkonservativer Kirche gerutscht. Das wichtigste sei die „Einheit der Kirche“, so Michalik. Doch in seinem neuen Amt wirkt er oft halbherzig. Ob beim Konflikt um die antisemitischen Hetztiraden von Radio Maryja, die Aufbereitung der Stasi-Vergangenheit von Geistlichen oder die zahlreichen Pädophilie-Skandale – klare Stellungnahmen lässt die geteilte Kirchenführung ebenso wie ihr Vorsitzender vermissen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar