Ich lebe jetzt in. . . : … Irland

Antje Joel ist vor fünf Wochen nach Irland ausgewandert und berichtet von ihrem neuen Leben. Heute schreibt sie über die flotten Fahrer von der falschen Seite

Antje Joel

Die irische Straßenführung kann man getrost als „rummelplatzartig“ bezeichnen. Es geht in einem fort rauf und runter, dass es einem den Magen verklumpt, dazu sind die Straßen eng und kurvig und oft von den landesüblichen Mäuerchen gerahmt. Dann und wann gerät man auf eine Brücke, dort sind die Straßen enger. An den Straßenrändern stehen Schilder, rund, weiß, mit rotem Rand, darin in Schwarz: „100 km/h“. Erst dachte ich: „Das ist ja lachhaft!“ Ich fand die Vorstellung, jemand könne auf diesen windigen Sträßchen hundert Stundenkilometer wagen, unvorstellbar. Das war, bevor mir das erste, von einem Iren gelenkte Auto entgegenkam. Jetzt denke ich: Möglicherweise geben die 100 km/h das unter allen Umständen einzuhaltende Mindesttempo an. Einem Land, das die Autofahrer zwingt, auf der falschen Straßenseite zu fahren, ist alles zuzutrauen.

Das Linkfahren vergesse ich immer dann, wenn ich sicher bin: „Jetzt vergesse ich es nie mehr!“ Das gibt immer ein großes Hallo auf der Gegenfahrbahn, die dieser Bezeichnung dann endlich gerecht wird. Es ist aber auch nicht einzusehen, dass, wo die ganze große Welt glücklich und zufrieden auf der rechten Straßenseite herumgurkt, zwei Ländlein trotzig entscheiden: „Nö, wir fahren aber links!“ (Neuseeland zählt nicht, da entscheiden Engländer.) So etwas kann sich nur ein Land erlauben, das eine Insel ist. Man stelle sich den Tumult vor, kurvte man von Deutschland nach Frankreich hinein und hinüber auf die linke Fahrbahnseite!

Fürs Erste finde ich, was ich hier sehe, unterhaltsam genug. Allem voran die Beteuerungs-Verkehrszeichen. Das sind Schilder, auf denen in einem Warndreieck beispielsweise steht: „Vorfahrt gewähren!“ Und darunter noch einmal: „Sie müssen wirklich die Vorfahrt gewähren!“ Wäre ich das irische Straßenverkehrsamt, ich würde nicht zögern, ein rundes unter die beiden eckigen Schilder zu hängen: „Bittebitte!“

Beim Autofahren hört die irische Gelassenheit auf. Ich stelle mir vor: Über die Insel rasend, sparen und sammeln die Iren all die schöne Zeit ein, die sie im restlichen Leben zum Besten geben. Zum Beispiel: Die Stadt Galway ist 55 enge, windige Kilometer weit weg. Oder, wie meine Nachbarn sagen: „35-40 Minuten, höchstens.“ Worauf ich antworte: „Wenn man Ire ist.“ Dann lachen die Nachbarn und freuen sich. Und ich freue mich mit und frage mich: „Schon 93 Tote auf Galways Straßen in diesem Jahr!“ – ist dieses Schild nun ein Jubelschrei? Oder doch eine Warnung?

Die Autorin ist vor fünf Wochen nach Irland ausgewandert und berichtet hier von ihrem neuen Leben.

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