Ich lebe jetzt in … : … Irland

Antje Joel über die tödliche Anziehungskraft der Abrisskante an den Cliffs of Moher.

Antje Joel

Rund einhundert Kilometer von hier, an der Westküste, kann man ein bisschen mit dem Tod spielen. Über eine Strecke von 20 Kilometern erheben sich die Cliffs of Moher senkrecht aus dem Meer. Oder fallen sie? So, wie man selbst fallen wird, wenn man sich nah, zu nah an ihre Kante wagt? 214 Meter tief.

Selbstverständlich ist die Kliffkante gesichert, mit Steinplatten und Maschendrahtzaun. Selbstverständlich klettern alle über die Platten, hinter den Maschendrahtzaun. Vorbei an den Schildern „Nicht hinter die Absperrung gehen!“, „Instabile Kliffkante!“ Vorbei an dem Schild mit den stürzenden Steinen und dem fallenden Männchen darauf. Immer weiter, näher heran an die Kante.

Der Blick in die Tiefe verkrampft mir die Muskeln. Unten schäumt Wasser. Grau, weiß, türkis. Sein Rauschen klingt durch die Entfernung gedämpft. Nicht wirklich. Nur mehr wie eine Erinnerung. An was? Ich fürchte, zu nah an der Kante zu stehen, und kann mich nicht von ihr weg bewegen. Zwei Frauen sitzen mit dem Rücken zum Abgrund, gleich an der Kante. Ein Mann lässt seine Beine über den Rand des Kliffs hängen. Ein anderer zeigt auf das fallende Strichmännchen, imitiert einen Entsetzensschrei und lacht. Der Felsen, das Wasser, das Rauschen. Da ist etwas, das zieht. Was?

Der Wind hier oben ist unberechenbar, er kommt in plötzlichen, heftigen Böen. Im November 2006 hat es eine polnische Touristin über die Kante geweht, im Jahr darauf ein deutsches Ehepaar. Mein Nachbar George sagt: „Pure Unvorsicht.“ Das stimmt nicht. Ich weiß es. Ich fühle es. In meinen zitternden und doch bewegungslosen Beinen. Ein Pärchen reicht meinem Sohn seine Kamera, sie beziehen rückwärtsgehend Stellung, noch ein Stück, noch einen Schritt. Kann er sie und den Abgrund hinter ihnen im Sucher sehen? Jetzt? Schritt. Jetzt? Dann bitte: Foto. Unvorsicht. Oder?

Wenn ich auf und ab hüpfe, vibriert unter mir der Boden. 30 Zentimeter diesseits der Kante. Jenseits zieht dumpfes Rauschen. Irgendwo habe ich gelesen, das, was da zieht, sei physisch, nicht psychisch. Ein Verlangen des aus der Balance geratenen Körpers, die Balance wiederherzustellen. Sich zurückzubringen auf Erdlevel, so ungefähr. Obwohl ich die Erklärung tröstlich finde: Ich glaube sie nicht. Ich glaube, wir spielen ab und zu gern mit dem Tod. Manchmal gewinnt er.

Die Autorin ist vor sieben Wochen nach Irland ausgewandert und berichtet hier von ihrem neuen Leben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben