Meinung : „Ich stehe im Gegenstrom zur eigenen Partei“

Hans-Hagen Bremer

Einst wollte Jean-Marie Le Pen die Einwanderer übers Mittelmeer zurück nach Afrika treiben. Jetzt zieht der 78-jährige Führer der rechtsextremistischen Nationalen Front (FN) mit dem Bild einer jungen attraktiven Mulattin in Frankreichs Präsidentschaftswahlkampf. Bauchnabelfrei, mit gepiercter Unterlippe und einem nach unten gesenkten Daumen verkündet sie auf einem Plakat ihr Urteil in Sachen Immigration über „Rechte und Linke: Nationalität, Eingliederung, sozialer Aufstieg – alles haben sie kaputtgemacht“. Die Inspiration zu dem überraschenden Plakat kam von Marine Le Pen, der Tochter des Parteichefs, die der Vater zur Vizepräsidentin der Partei berief. „Der einzige Kandidat, der alle religiösen, ethnischen und politischen Besonderheiten abgestreift hat, ist Jean-Marie Le Pen“, erklärt sie die ungewöhnliche Aussage, mit der die ausländerfeindliche FN nicht nur die über die Einwanderung besorgten Wähler, sondern erstmals auch die einst eingewanderten Franzosen anspricht.

Den alten Kämpfern in der Partei stehen darüber die Haare zu Berge. Die Illustration sei zu progressiv, kritisierten sie, und die Aussage sei nicht das, was die Wähler von Le Pen erwarteten. Sie hätten die bekannten Schlagwörter der Partei wie „Frankreich lieben oder es verlassen“ vorgezogen. Doch gegen Marine Le Pen konnten sie sich nicht durchsetzen. Sie will die Nationale Front vom Makel des Rabaukentums befreien und zu einer Partei mit Regierungskultur formen.

Das ideologische Gerümpel der Partei hatte die 38-jährige Rechtsanwältin schon früh infrage gestellt. Sie verteidigte von der Ausweisung bedrohte Einwanderer, bekannte sich zum Abtreibungsgesetz und forderte Toleranz gegenüber gesellschaftlichen Ansprüchen von Homosexuellen. In einem autobiografischen Buch mit dem Titel „Gegen den Strom“ erkannte sie: „Unsere Bewegung steht im Gegenstrom zur politischen Welt, ich selbst stehe im Gegenstrom zur eigenen Partei.“ Sogar mit dem immer wieder zu Provokationen neigenden Vater überwarf sie sich, als sie sich von dessen Spruch über die angeblich „nicht besonders unmenschliche deutsche Besetzung“ Frankreichs distanzierte. Doch er verzieh ihr und machte sie zur „strategischen Direktorin“ seines Wahlkampfs. Mit ihrer Hilfe will er seinen Triumph von 2002 wiederholen und wieder in die Stichwahl einziehen. Laut Umfragen kann er auf 18 Prozent der Stimmen hoffen – mehr als damals.

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