Meinung : „Ich will nicht künstlich verjüngt werden“

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Ich habe mit 56 den Motorradführerschein gemacht. Hätte mein Vater das vor 40 Jahren getan, wäre das ziemlich kurios gewesen. Heute geht das. Ein 64-Jähriger in Jeans, mit Knopf im Ohr und Pferdeschwanz ist ganz normal. Sicher, ich stehe manchmal auch im Laden und denke: tolle Jacke. Und dann fällt mir auf, dass ich damit eigentlich nicht mehr herumlaufen sollte. Ich fühle mich psychisch und physisch aber zehn Jahre jünger, als mein Alter ausweist. Das erleben viele in meiner Generation so. Gewiss, man ahnt, dass das Zählwerk nicht ewig läuft. Aber viele Ältere fühlen sich einfach noch jung.

Das zeigt sich auch beim Einkaufen. In unserer zeitlosen Gesellschaft will sich niemand zum alten Eisen zählen lassen. Ein Porsche-Fahrer zum Beispiel ist im Schnitt um die 50, und er kauft sich das Auto nicht mit Einstiegshilfe, auch wenn er schwer rein- oder rauskommt. Er kauft den Sportwagen mit den Vorstellungen, die er mit 28 hatte, als er sich das Auto noch nicht leisten konnte. Das heißt nicht, dass ich als Konsument künstlich verjüngt werden möchte. Ich will mir schon Gedanken über die Konsequenzen des Alterns und den Tod machen – aber vielleicht nicht gerade beim Einkaufen. Das ist auch nicht die Aufgabe der Werbung.

Trotzdem glaube ich, dass es künftig mehr ältere Menschen in Werbespots geben wird. Autoindustrie, Sportartikelhersteller, Tourismus, Medien – alle werden sich auf die Zielgruppe einstellen, weil sie mit ihr Geld verdienen können. Vor allem werden sich die Dienstleistungen und der Service ändern. Wir wollen uns beim Einkauf gut aufgehoben fühlen, wir brauchen mehr Beratung. Eine 65-jährige Frau will in einem Modeladen nicht von einer 25-Jährigen bedient werden. Und ein 60-Jähriger will seine Geldanlage nicht mit einem 25-jährigen Bankberater diskutieren. Marketing ist eine intelligente Anpassung an die Notwendigkeiten.

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