Meinung : Im Bund mit den Juden

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Von Matthias Loerbroks

WO IST GOTT?

Am 27. Januar 1945 erreichte die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz und befreite die wenigen überlebenden Gefangenen, die nicht auf Todesmärsche nach Westen gezwungen worden waren. Seit einigen Jahren wird dieser 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Staatlich, gesellschaftlich, auch kirchlich wird am kommenden Dienstag des jahrelangen Massenmords gedacht, für den Auschwitz eine grelle Chiffre wurde. Speziell in den Kirchen wird es darum gehen, dessen inne zu werden, dass es eine christliche Irrlehre war, die den Weg nach Auschwitz gebahnt hatte.

Jahrhunderte lang haben christliche Kirchen theologisch theoretisch vom Ende Israels gesprochen, seine Ablösung und Ersetzung durch ein neues Gottesvolk gelehrt. Was die Mörder programmatisch Endlösung nannten, war die brutal wörtliche Umsetzung dieser Rede. Gerade Christen muss angesichts dieser Vorgeschichte die Rechenschaft fordernde Frage: Wo war Gott in Auschwitz? im Halse stecken bleiben. Unvermeidlich aber ist die nachtschwarze Frage: Hat Gott Auschwitz überlebt? Ist er Teilnehmer unserer Situation nach Auschwitz?

Man muss ja von dem, was in der Bibel steht, kein Wort glauben, sollte sich aber doch darauf verständigen können, was da steht. Und da ist nun mit Händen zu greifen: Die Beziehung Gottes zu allen Menschen, allen Geschöpfen konzentriert sich und wird erkennbar in seiner Bindung an ein bestimmtes Volk. Er ist nicht immer und überall, sozusagen von Natur aus zu finden. Er definiert sich als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs = Israels. Die Autoren des Neuen Testament spitzen diese Konzentration weiter zu auf einen bestimmten Sohn dieses Volkes, in dem dieser Bund bestätigt, bekräftigt, befestigt wurde. Da ist nicht vorstellbar, dass die Ermordung eines Drittels dieses Volks ihn unberührt, unbeschädigt ließ.

Die offenkundige Langweiligkeit von Kirchen nicht nur in Deutschland, ihre Geist- und Reiz- und Zahnlosigkeit, ist ein Symptom, dass sie sich ihrer Geschichte, ihrer Irrwege noch nicht gestellt haben, sondern weiter reden, als wäre nichts geschehen. Der 27. Januar ist ein Tag zum Innehalten und Innewerden.

So Gott will und er lebt, ist er selbst ein Überlebender von Auschwitz, ist gezeichnet, und Jesus, der Jude, Vertreter und Sprecher seines Volkes unter den Völkern, ist es auch. Christliches Leben mit Gott, ihn kennen lernen, einen Ort der Begegnung mit ihm finden, das kann darum nur sein: ein Leben mit den Überlebenden, Lebensgemeinschaft mit dem jüdischen Volk, eine Teilnahme, die die Kälte und Unberührbarkeit heilt, die Auschwitz möglich machte. Was die Kirche vor Auschwitz hätte wissen können und wissen müssen, ein Wissen, das Auschwitz verhindert hätte, möge sie nun, nach Auschwitz lernen: im Bund mit Gott ist sie nur als Bundesgenossin Israels.

Der Autor ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in der Friedrichstadt in Berlin. In der Jerusalemkirche in Kreuzberg findet am Dienstag, 27. Januar, um 18 Uhr ein Gottesdienst statt. Die Predigt hält Dr. Christian Staffa, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

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