Meinung : Im Eingangsordner

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Von Christina von Braun

WO IST GOTT?

Ich klicke durch meine Mail. Mal wieder nur Spam! Das Telefon klingelt. „Ja bitte?“ – „Guten Tag, hier ist Gott.“ Ich bin sprachlos. Aber dann will ich diese einmalige Chance auch nicht verpassen, nehme mich also zusammen. „Gut, dass Sie anrufen“, sage ich, „ich soll nämlich sagen, wo Sie sich aufhalten.“ – „Ich halte mich nicht auf.“ – „Oder wo man Sie suchen kann?“ – „Die Gottsuchenden sind wieder unterwegs?“ – „Die Leute, die mich fragten, sahen eigentlich nicht so aus.“ – Und wenn ich es dir sage, würdest du es ihnen verraten?“ Das ist eine knifflige Frage. Am besten ehrlich sein. „Ich weiß nicht, ob ich in so einer wichtigen Angelegenheit verschwiegen sein kann.“ – „Siehst du, das habe ich befürchtet.“ Aber berechtigt ist die Frage doch. „Ich freue mich auf jeden Fall, dass Sie noch am Leben sind. Man hatte schon so lange nichts mehr von Ihnen gehört.“ – „Kommt drauf an“, meint Gott, „warum wollen die eigentlich wissen, wo ich bin?“ – „Weiß auch nicht. Ökumenischer Kirchentag? Pfingsten?“ – „Ach ja, der OEKT. Meinst du, ich werde dort erwartet?“ „Wäre doch nett, wenn Sie vorbeischauen. Sie werden sicher ein paar alte Bekannte treffen.“ „Die alten Bekannten. Sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.“ – „Und Freunde?“ – „Die meisten sind tot. Das ist das Schicksal der Unterblichen. Alle anderen sterben, nur ich nicht.“ – „Wissen Sie was, Sie sollten sich nicht so runterziehen lassen. Gehen Sie unter die jungen Leute. Die sind immer fröhlich. Wissen, was los ist in der Welt.“ – Ein unwirsches Brummen am anderen Ende der Leitung. „Das weiß ich auch so.“ – „Und die Einsamkeit? Ein nettes Kloster?“ – „Habe ich auch schon probiert. Hat mir nichts gegeben.“ Ich versuche es anders. „Stimmt es, dass Sie Gedanken lesen können?“ – „Leider ja. Würde manchmal gerne darauf verzichten. Mir gefällt zum Beispiel nicht das Bild, das du dir im Kopf von mir machst. Es trifft überhaupt nicht zu.“ – „Was für ein Bild denn dann?“ Ich versuche, schlau zu sein. „Wie sieht denn das Telefon aus, von dem Sie sprechen? Halten Sie es in der Hand, ans Ohr oder haben Sie eine Fernsprechanlage?“ Am anderen Ende ein lautes Lachen. Ich bin durchschaut. Aber wenigstens lacht Gott wieder. „Irgendetwas muss ich den Leuten doch über Ihren Aufenthaltsort sagen können. Und wo man Sie treffen kann. Haben Sie eine EMail-Anschrift?“ – Es wird plötzlich still in der Leitung, dann ein Seufzer. „Wenn es diesen elenden Spam nicht gäbe.“ Das kann ich nun gut verstehen. Aber wenn nicht einmal Gott davor geschützt ist, wer dann? „Trotzdem, eine E-Mail wäre ganz gut. Sie könnten mit den Leuten kommunizieren, ohne dass man Sie sieht.“ – Wieder ein trauriger Seufzer. „Ach lass mal, Kindchen, die werden mich schon finden. Echte Surfer finden alles.“ Dann wird der Hörer aufgelegt. Nur noch ein tut-tut-tut in der Leitung. Schade, hätte gerne noch erfahren, ob Gott ein gutes Filterprogramm für Spam kennt. Ich warte noch einige Minuten, aber das Telefon bleibt stumm. Dann schaue ich wieder in meine E-Mail. Zwischen dem ganzen Spam eine kleine Nachricht: „War nett mit Dir.“ Leider ohne Absender.

Die Autorin ist Professorin für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität.

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