Meinung : Im Kinderbuch

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Von Julius H. Schoeps

WO IST GOTT?

Die Frage, ob und wie ich es mit Gott halte, löst bei mir eine gewisse Beklommenheit aus. Mir geht es wie vermutlich den meisten Agnostikern, die meinen, es sei besser, nichts zu sagen, als sich bei dieser Frage mit einer Antwort abzuquälen, die letztlich nur unbefriedigend sein kann. Das Bild, das ich mir von Gott oder, wie wir Juden sagen, von Adonoi (dem Ewigen, dem Allmächtigen) mache, hängt mit frühen Kindheitseindrücken zusammen. Damals, ich war sechs oder sieben Jahre alt, gab man mir zu verstehen, dass es über unserem irdischen Dasein eine Macht gäbe, die alles bestimmt und lenkt.

Der kleine Junge, der, zurückgekehrt mit seinem Vater aus dem schwedischen Exil, im fränkischen Erlangen lebte, hatte ziemlich genaue Vorstellungen, wie Gott bzw. der Allmächtige auszusehen hat. Vor meinem inneren Auge hatte ich das Bild eines uralten bärtigen Mannes, der in einen im Wind wehenden, weißen mantelähnlichen Umgang gehüllt, auf einen Stock gestützt dastand und mich, wie ich mir einbildete, durchdringend ansah. Diesen Blick spüre ich heute noch.

Heute weiß ich, dass meine Vorstellungen von Gott und den biblischen Gestalten stark geprägt sind durch ein von Rabbiner Joachim Prinz 1934 veröffentlichtes Jugendbuch („Geschichten der Bibel“). Jüdischen Kindern und Jugendlichen war es angeblich Trost in dunkler Zeit. Als ich es als kleiner Junge in die Hände bekam, verschlang ich es geradezu. Die Erzählungen von Adam und Eva, Kain und Abel, Isaak und Jacob, Moses, Samson, David, Salomon und Josef beeindruckten mich außerordentlich.

Besonders faszinierte mich die Beschreibung der Sintflut, die wundersame Rettung der Tiere, der Giraffen, Elefanten und Ziegen, die allesamt auf der Arche Noah in Sicherheit gebracht wurden. Immer wieder betrachtete ich die Illustrationen in dem Buch und rätselte, wie es denn möglich sein konnte, so viele Tiere auf einem so kleinen Schiff unterzubringen.

Wen immer ich damals darauf ansprach, eine befriedigende Antwort erhielt ich nicht. Wahrscheinlich war es gerade die Unfähigkeit der Erwachsenen, dem kleinen Jungen auf die ihn beschäftigenden Fragen eine halbwegs vernünftige Erklärung zu geben, die seine Fantasie beflügelte. Wenn, so sagte ich mir, die Erwachsenen keine Antwort geben können, dann muss hinter der ganzen Geschichte und den Umständen der Rettung der Tiere ein tieferes Geheimnis stecken. Ich ahnte wohl, ohne dass ich das artikulieren konnte, dass bei dieser mir merkwürdig erscheinenden Angelegenheit eine höhere Macht im Spiele gewesen sein musste.

Das Gottesbild, das ich als kleiner Junge zu entwickeln begann, ist der Lektüre zahlreicher Bücher zu verdanken. Aber in erster Linie meinem Vater, der mich und meinen Bruder behutsam an das Judentum und dessen Überlieferung heranführte. Mein Vater, ein Religionswissenschaftler von Rang, der sein Leben lang Umgang mit jungen Menschen hatte, wusste, wie man das mit einfachen Worten macht. Wenn wir vor dem Einschlafen um eine der üblichen Gute-Nacht-Geschichten bettelten, pflegte er nach dem Verlesen oder Erzählen einer solchen Geschichte mit uns zusammen auf Hebräisch das „Schma Jisroel adonoi elohenu adonoi echad“ (Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist einzig) zu beten. Dieses Gebet, das zentrale jüdische Glaubensbekenntnis, das zu verschiedensten Gelegenheiten gesprochen wird, habe ich durch das tägliche Ritual beim Zubettgebrachtwerden schon sehr früh verinnerlicht.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Moses-Mendelsohn-Zentrums an der Universität Potsdam.

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