Meinung : Im tiefen Tal

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Von Gesine Schwan

WO IST GOTT?

Ein berühmter Bericht über eine Begegnung mit Gott findet sich in den Bekenntnissen des Aurelius Augustinus. Zehn Jahre nach seiner Bekehrung zum Christentum beschreibt er das Ende seiner inneren Zerrissenheit: „So sprach ich und weinte in bitterster Zerknirschung meines Herzens. Und sieh, da höre ich vom Nachbarhause her in singendem Tonfall, ich weiß nicht, ob eines Knaben oder eines Mädchens Stimme, die immer wieder sagt: ‚Nimm und lies, nimm und lies!’“ Augustinus versteht das als Anruf Gottes, ein zufällig aufgeschlagenes Schriftwort zu lesen. Nach der Lektüre „durchströmte“ sein „Herz das Licht der Gewissheit, und alle Schatten des Zweifels waren verschwunden.“

Eine solche Begegnung mit Gott hatte ich nie. Aber oft widerfuhr mir ein intensives Nacherleben des 23. Psalms: „Und muss ich auch wandern im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil, denn Du bist bei mir.“ Das empfand ich als beglückende Begegnung mit einer tragenden, behütenden und wohlwollenden Kraft. Es handelte sich immer um Situationen, die mir Angst einflößten, weil ich keinen erträglichen Ausweg erkennen konnte.

Eine solche Situation ergab sich etwa, als der Verdacht bestand, dass mein Mann Alexander Schwan zum zweiten Mal Krebs hätte. Kurz bevor wir die Diagnose erfahren sollten, musste ich mehrere Treppen in der Klinik hinabsteigen. Die Knie drohten mir zu versagen, und ich wusste nicht, wie ich die Wegstrecke hinter mich bringen sollte. Aber plötzlich ging es ganz leicht, als ob mich etwas hinabtrüge. Die gleich darauf folgende Diagnose war unerfreulich, und doch verlor ich nicht den Mut. Es folgten Jahre intensiven Gebets, die mich aufrichteten und aus denen ich immer erneut Kraft schöpfen konnte. Dabei bemühte ich mich, mir zu vergegenwärtigen, dass ich meinen Glauben auch dann nicht aufgeben dürfte, wenn mein Wunsch nach Genesung meines Mannes unerfüllt blieb. Ich fühlte mich getragen, aber ich durfte Gott nicht auf die Probe stellen. Mein Wunsch ging nicht in Erfüllung, es folgten überaus schwierige Zeiten, in denen ich mit Gott haderte, mich von ihm verlassen fühlte, aber weiter an ihn glaubte, wenn auch nicht mehr als an einen wohlwollenden Gott.

Seither gefällt mir der eher jüdische als christliche Umgang mit Gott besonders gut, der es erlaubt, gegen Ihn auch aufzubegehren, mit Ihm zu hadern und zu verhandeln, wie Abraham dies um „nur eines Gerechten“ willen, der zu retten sei, getan hat. Denn wenn man aus seinem Herzen keine Mördergrube machen, sich nicht von vornherein demütig wegducken muss, dann eröffnet dies die Chance für eine Begegnung, die den Glauben bekräftigt, weil sie auf die Liebe Gottes baut, der nicht kleinlich jedes Wort rächt. So konnte ich über mein Hadern und Aufbegehren Gott als Liebenden wiederfinden.

Dass Gott, der uns auch im finstern Tal begleitet, uns liebt, dass er die Welt aus Liebe erschaffen hat, dass diese Liebe auch in der Welt, gerade gegen das unübersehbare Elend und die Ungerechtigkeiten, die stärkste schöpferische Kraft darstellt und dass Er in ihrer Praxis für unser Leben einen Sinn bereithält, diese fast tägliche Erfahrung empfinde ich dankbar als Begegnung mit Gott. Sie wirkt nicht einmalig, plötzlich und spektakulär, sondern andauernd begleitend und tragend. Ihre Wirkung jedoch ist darauf angewiesen, dass ich aufmerksam für sie bleibe. Das Bild der Gnade als eines Seiles, das mir in der Gletscherspalte entgegenkommt, das ich aber auch ergreifen muss, um mich zu retten, beschreibt diese Erfahrung angemessen.

Die Liebe, von der ich rede, hat nichts mit Sentimentalität zu tun, wohl aber mit Gefühl: als Einfühlungsvermögen in die Situation der Menschen um mich herum, der Mitstreiter wie der Gegner, und als Mitgefühl für die, die zu kurz kommen. Ihre schöpferische Kraft habe ich oft auch in beruflichen Verhandlungen erlebt, die in dem Maße einen guten Verlauf nahmen, wie es gelang, die Absichten und Motive der Beteiligten treffend zu erkennen und beim Namen zu nennen.

Solche Liebe, die ich als von Gott geschenkten und immer erneut helfenden Wegweiser wahrnehme, nach dem sich auch mein Denken richten kann, wirkt schöpferisch, weil sie zusammenbringt, niemanden und nichts von vornherein oder definitiv ausschließt, aber doch zu unterscheiden und Irrwege abzuweisen verlangt. Ihr zu folgen fordert oft eine hohe Konzentration und viel Kraft. Gott begegnet mir im Geschenk dieser Kraft. Aus ihr entsteht das, was Hannah Arendt Macht nennt, im Unterschied zur Gewalt.

In meinem Leben war es immer wieder die Grunderfahrung des „finstern Tales“, die mich die Kraft der Liebe als Begegnung mit Gott erfahren ließ.

Die Autorin ist Präsidentin der EuropaUniversität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

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