Im WORT laut : Die Lehre der Geschichte: Nie wieder!

Der Schriftsteller Peter Schneider schreibt im „Spiegel“, wie sich die deutschen „Lehren der Geschichte“ im Umgang der politischen Klasse mit Thilo Sarrazin und im deutschen Verhältnis zu Israel widerspiegelt:

Denn was genau sind eigentlich die Lehren der Geschichte? Und wer bestimmt, welche Lehren die richtigen und wie diese Lehren anzuwenden sind? Das Beunruhigende an dieser Formel ist doch, dass man ganz verschiedene, ja sogar gegensätzliche Lehren aus ein und derselben Geschichte ableiten kann – und abgeleitet hat. Bekanntlich hat sich auch die RAF auf die Lehren der Geschichte berufen …

Ich rede hier keineswegs irgendeiner „Schluss-Debatte“ das Wort. Die Erforschung der Nazi-Verbrechen und die Anerkennung der aus ihnen resultierenden Schuld bleibt eine der wichtigsten Leistungen der deutschen Nachkriegspolitik, und ich denke, meine Generation hat einiges zu dieser Leistung beigetragen. Aber wenn Schuldgefühle zu quasi automatischen Vermeidungshaltungen führen und ihr Einfluss auf politische Entscheidungen nicht benannt wird, bringen sie unweigerlich Tabus und politische Verrenkungen hervor.

Offensichtlich ist es eine Sache, ein kollektives historisches Versagen anzuerkennen, eine andere Sache ist es, daraus die richtigen Lehren zu ziehen. Keineswegs ist es ausgemacht, dass aus dem Eingeständnis einer Schuld wie von selbst eine kluge, in die Zukunft weisende Politik entsteht. Die Fixierung auf die Vermeidung begangener Sünden kann durchaus zu einer Blockierung des Denkens und zu neuen Sünden führen.

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