Im WORT laut : Unsere Unruhedaten

In einem Essay im neuen „Spiegel“ befasst sich Kulturredakteurin Elke Schmitter mit der Bundestagswahl:

Es ist schwer zu entscheiden, ob es die eigene Angst ist, welche die Politiker so merkwürdig erstarren lässt, oder die Angst vor der Angst. Vor 20 Jahren, nach einem Wunder, gab es plötzlich politisches Personal, zu dem auch die Landesmutter gehörte, das geradezu anstößig war: glühende Augen und Bärte jedweder Fasson, beseelte Gesichter, gezeichnete Köpfe. Ältere Herren mit scharfen Mienen, hagere Käuze, langhaarige Frauen. Komische Typen, nervöse Raucher, energische Melancholiker, handelnde Träumer. Wo sind die alle hin?

In den Apparaten der großen Parteien wird ein Verhalten gezüchtet, das Kompetenz im Detail bei größtmöglicher Anpassung im Auftreten zum Ziel hat. Pathos und Brillanz, Humor und Geistesgegenwart, leidenschaftliche Überzeugungen und die Zumutungen der Individualität dürfen beim Spitzenpersonal nicht mehr erkennbar sein. Es hat sich durchgesetzt, die Menschen draußen im Lande zu schonen. Es gibt ein Bundespresseamt, da arbeiten etwa 500 Leute, die alle damit beschäftigt sind, für die Politiker zu filtern, was die Medien meinen, was die Leute denken, oder was die Medien denken, was die Leute meinen. Und am Ende kommt offenbar immer heraus, dass die Menschen vor allem nicht gestört werden wollen von der Politik, das scheint das geheime Ziel der Demokratie zu sein, dass jeder Bürger am Ende das Recht hat, nicht weiter behelligt zu werden. (...)

Man kann mit Gründen anderer Ansicht sein. (...) Wer heute wählt, für den sind die historische Inflation der zwanziger Jahre, das Chaos der späten Weimarer Republik und die Nazi-Zeit Daten aus dem Geschichtsbuch. Die krasse Ungerechtigkeit in der Verteilung von Wohlstand und Sicherheit, die Ausweidung und Verschrottung der Natur, die dauerhafte Verelendung ganzer Weltregionen und schließlich die Vernachlässigung und Apathisierung der Chancenlosen in Deutschland: Das sind die wahren Unruhedaten.

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