Meinung : In den Schluchten

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Von Jürgen Gohde

WO IST GOTT?

Es war ein Kinderspiel. Ein Mädchen hält seine Puppe im Arm und erzählt ihr eine Geschichte. Halblaut vielleicht. Wenn Kinder spielen, geht es um alles. Adrian Paci, ein albanischer Filmemacher, hat in ihr die Geschichte seines Volkes wieder entdeckt und sie 2002 in einem Video verfilmt.

„Vajtojca“, zu sehen in der aktuellen Ausstellung in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum, „In den Schluchten des Balkans“, die sich mit Möglichkeiten und Folgen von Gewalt auseinandersetzt. Vajtoica: Ein Mann und eine Frau. Am Anfang ist eine verschlossene Tür. Er klopft an die Tür. Sie öffnet. Sie bereitet das Zimmer. Sorgfältig, reinlich, zieht das Laken glatt über der Liege. Ein Opfertisch ?

Er geht ins Schlafzimmer und kleidet sich um, knöpft aufmerksam Hemd und Jacke vom schwarzen Anzug. Als wollte er sich sterben legen, nimmt er Platz, streckt die Beine aus, faltet die Hände, schließt die Augen. Hört. Sie beginnt zu singen. Die Stimme verwandelt sie. Verhüllt ist ihr Gesicht. Klage zieht ein, erfüllt jeden Winkel des Zimmers, nimmt dem Betrachter die Luft, macht jede Distanz unmöglich. Eine tiefe schmerzende Wunde wird hörbar. Ohne Umweg wird zerbrochenes Leben anschaulich und gewinnt zugleich seine Würde zurück.

Ungekannte Tiefen muss die Seele wahrnehmen oder sich einen Ausweg suchen und gehen. Die Zuschauer bleiben, rücken gar näher heran. Klage über den Tod, die Leben einklagt, wird körperlich spürbar. Bilder, die wehtun, melden sich: getötete Kinder, Frauen, denen Gewalt angetan wurde, Opfer der Folter, zerrissene Familien, der tote Vater. Vergessen ? Das erste medizinische Zentrum für Folteropfer wurde erst kürzlich in Berlin eröffnet.

Vajtoica. Plötzlich: ein neues Stück Leben. Beide erheben sich, sie schlägt den Schleier zurück, langsam entfalten sich Hände, strecken sich den anderen entgegen, ein neuer Rhythmus legt sich über die Szene: die klagende Frau, der Mann, der den Platz des Toten eingenommen hatte, sie werden hineingezogen in den Rhythmus des Lebens. Für den Betrachter ist es gut, die Erlösung zu spüren. So hat das Kind die Geschichte erzählt. Ein Kinderspiel? Wenn Kinder spielen, geht es um alles, auch um die Frage nach Gott.

Wo ist Gott? Sicher dort, wo Menschen die Spur des Lebens entdecken, wenn Klage in Freude verwandelt wird oder Tod in Leben. Die biblischen Geschichten sind voll von solchen Inszenierungen. Ich denke an den Jungen in Nain. Vajtoica liegt ebenso auf der Landkarte des Lebens, aber Jerusalem und Nadschaf auch.

Der Autor ist Präsident des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche.

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