Meinung : In der Intuition

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Von Joellen Perry

WO IST GOTT?

Der Mensch sollte lernen, das Licht zu finden, das von Innen seinen Geist erstrahlt, und ihm mehr zu folgen als dem Glanz am Firmament der Dichter und Weisen“ (R.W.Emerson, Self Reliance, 1841).

Für einige lebt Gott in der absoluten Stille der Kirche und Synagoge. Für andere in der Erfahrung der Geschichte, dem aufgetürmten Wissen vergangener Menschheiten. Wieder andere sehen Gott als Gast am Abendtisch der Familie, als Gegenwart im Kreise guter Freunde, als ausgestreckte Hand in der Not. Sie spüren Göttlichkeit in der komplexen und wunderbaren Beziehung zwischen Menschen.

Für mich existiert Gott an all diesen Orten – und auch in der Brillianz eines wohl berechneten Witzes, der erschütternden Perfektion eines sich hochschraubenden Soprans, im magnetischen Bogen eines Fussballs, der neben dem Torwart ins Netz geht. Die Wahrheit ist einfach, ist unmöglich: Gott ist in uns. Eine durchgehende, heilige Gegenwart, zur der wir nur Zugang haben, wenn wir ganz bei uns sind, wenn wir unsere Angst zu versagen, ablegen, wenn wir aufhören, großartig sein zu wollen, wenn wir einfach nur sind. Diese heilige Kraft findet ihren Weg, wie Emerson schreibt, in den Lichtblitzen, in den Momenten von Einsicht und Eingebung. Gott steckt in der Intuition.

In der Weltfremde der Intuition liegt für mich die göttliche Gegenwart. Ein Maler hat die Intuition, an einem bestimmten Punkt den Pinsel hinzulegen. Fragt man warum – er kann es nicht erklären. Er weiß es einfach. In dieser Intuition, dem Moment vollständigen Selbsvertrauens, taucht der Maler in etwas Unendliches, das über ihn hinausgeht. Im Vertrauen, dass die Intuition ihn zu Gott führt.

Intuitionen brauchen gar keine Anstrengung. Leicht sind sie dennoch nicht. Das Schöne, aber auch Widersprüchliche an ihnen ist, dass man versuchen muss, nichts zu versuchen. Ich habe Gott sogar schon auf dem Basketballplatz angetroffen: Meine kleine Schwester ist Basketballerin und oft kämpft sie während der ersten Spielhälfte, hört die Rufe der Trainer, sieht meine aufmunternden Eltern auf der Tribüne und unter diesem Druck gelingt ihr nichts. Doch je länger das Spiel dauert, desto mehr blickt sie nach innen – und nicht nach außen. Sie vergisst die Zuschauer, die Trainer, all die Augen und kommt ganz zu sich selbst. Und dann hat sie eine Intuition, den Ball zu nehmen, nimmt ihn, wirft und punktet. Sie vertraut ihrer Intuition – und reicht Gott die Hand.

Das Wunder ist, dass Gott im Universellen und im Einzelnen ist. Und wir können nur ins Universelle eindringen, wenn wir ganz individuell sind. Ich kann deiner Intuition nicht vertrauen – nur meiner eigenen. Aber dabei kann ich die Menschheit besiegeln, die Heiligkeit von uns beiden.

Die Autorin arbeitet bei „US News & World Report“ und ist derzeit Gast der Tagesspiegel-Redaktion.

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