Meinung : In der offenen Moschee

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Von George Turner

WO IST GOTT?

Gott ist im Himmel, so wird es den kleinen Kindern erzählt; auf Erden gibt es Gotteshäuser, die zu seinem Ruhm errichtet sind. Um die Ehrfurcht der Menschen zu dokumentieren, durften früher Bauwerke, die weltlichen Zwecken dienten, nicht die Kirchturmspitze überragen. Das hat sich grundsätzlich geändert, denkt man an die Kathedralen des Geldes oder an Hochhäuser, deren oberste Etage ein GourmetTempel mit Panoramablick ziert. Kirchen werden zweckentfremdet oder veräußert, weil sie wegen schrumpfender Gemeindegrößen nicht mehr gebraucht werden oder in der Unterhaltung zu teuer sind.

Auf der anderen Seite werden Moscheen gebaut. Eine entgegen den Bauvorschriften in Kreuzberg zu hoch geratene Moschee soll zwar nicht auf das ursprünglich vorgesehene Maß gestutzt werden, aber 80 000 Euro sind fällig wegen der Verletzung der Bestimmungen. Generell tut man sich schwer, wenn es um Baulichkeiten für andere Religionen geht. Warum ist man so zurückhaltend, wenn der Bau einer Moschee zu beurteilen ist? Gotteshäuser können eine Attraktion sein. Die Liste solcher Sehenswürdigkeiten, mit denen sich Städte schmücken, ist kaum zu übersehen. Aber auch Synagogen oder Kirchen der russisch-orthodoxen Gemeinden sind Anziehungspunkte nicht nur für diejenigen, die dort ihre religiöse Heimat finden.

Warum gewinnt man leicht den Eindruck, dass die Gebetsstätten des Islam unauffälliger ausfallen sollen, ja manchmal wie versteckt wirken? Damit korrespondiert die zum Teil begründete Furcht, dass solche Plätze auch zur Verschwörung und der Hetze gegen das Gastland missbraucht werden können, wie im Fall der Fahd-Akademie in Bonn. Es dürfte aber der falsche Weg sein, solche Stätten zurückzudrängen, sie möglichst wenig sichtbar zu machen. Allein schon wegen des hohen Bevölkerungsanteils, der dem islamischen Glauben anhängt.

Die Orte der Religionsausübung und das, was dort praktiziert wird, gehören in die Öffentlichkeit. Ein Abdrängen von Minderheiten aus der öffentlichen Wahrnehmung kann zu unangenehmen Überraschungen führen. Die Einbeziehung hingegen ist eine Chance. Darum sollten die Gotteshäuser des Islam nicht verborgen, sondern Anziehungspunkte sein. So wie sich Besucherströme zum Beispiel zu den beiden Domen am Gendarmenmarkt oder zur Synagoge in der Oranienburger Straße bewegen, könnten sie doch auch eine glanzvolle Moschee zum Ziel haben.

Vielleicht liegt im konkreten Berliner Fall des zu hoch geratenen Turmes da der Fehler: Hätte man von vornherein auf die Attraktivität und Größe gesetzt und sich nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – kleiner gestellt, um in der Nachbarschaft nicht aufzufallen, gäbe es das Problem womöglich nicht. Für alle Religionen gilt, dass die Anhänger wechselseitig mit Stolz zeigen beziehungsweise mit Respekt betrachten sollten, wo Gott ist – auch der Gott der anderen.

George Turner war parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin. Der zweite Jahrgang der Gott-Kolumnen ist nun als Buch erschienen: Wo ist Er jetzt? Weitere Antworten auf die Frage „Wo ist Gott?“, Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, ISBN 3-7461-0192-1.

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