Meinung : In der Pause

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Von Norbert Walter

WO IST GOTT?

Im Gotteshaus! Im Gebet! Im Gottesdienst! Am Ende der Himmelsleiter: der Litanei! Im Choral! Gott wartet darauf, dass wir sein Angebot annehmen. Wir sind eingeladen zu seinem Hochzeitsmahl. Er steht mit seiner Liebe unverbrüchlich bereit.

Und wir, die Kinder Gottes, wo sind wir? Wir sind – mit beiden Beinen – auf der Erde, selbstverständlich! Wir ruhen in uns selbst, sind unseres eigenen Glückes Schmied. Sind emanzipiert, aufgeklärt, frei und realistisch. Für uns ist Gott: Vergangenheit, ein Phänomen des Mittelalters. Wir sind uns selbst genug. Uns deutet nichts, wirklich nichts über uns selbst hinaus. Und auf dem Wege zu uns selbst lassen wir immer öfter nicht nur Gott hinter uns, sondern auch unseren Nächsten. Wir sind uns selbst genug.

Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass selbst die Anziehung des anderen Geschlechts immer weniger gelingt. Wir finden unser Glück in uns selbst, freilich am besten kombiniert mit kollektiver, staatlicher Rundumfürsorge, einem WalkmanStöpsel im Ohr, einem Fernsehgerät mit 128 Kanälen, einem Internetanschluss und dröhnenden Boxen für laute Musik.

Und wie erfüllt sind wir? Zugedröhnt? Befreit oder doch eher einsam? Selbstbestimmt oder doch eher leer? Wenn es ernst wird, bei Krankheit, in der Existenzkrise, beim Tod, wo sind sie da, die Ruhe, die Verankerung des modernen Menschen?

Es ist ganz offenkundig, für solche Situationen ist der moderne Mensch nicht gemacht. Dann zerbricht er. Oder er sucht doch nach Gott, oder einem Menschen mit Halt, vielleicht göttlichem Halt.

Unsere Welt ist so voller Zeichen Gottes. Und überall gibt es Strukturen, die ihn hineinholen in unsere Welt. Geistliche Musik all unserer großen Komponisten kann nur erheben. Große kirchliche Bauwerke, Sinnbild der Ehrung Gottes, finden wir Europäer auf Schritt und Tritt.

Sie als Museen zu besichtigen ist bestenfalls ein erster Schritt, sie in ihrer liturgischen Bestimmung zu erleben, im Gottesdienst mit Orgelmusik und Orchester mit Predigt, mit festlichem Gesang, erfüllt die Seele. Die Klöster, noch immer Teil unserer Gesellschaft, sind Gottes Refugium. Stille, Konzentration, repetitives Beten und Singen sind Erbauung der Seele und Innenhof bei Gott.

Wir haben sie alle, diese Schätze, bei uns in unserer Gesellschaft. Wir gehen achtlos, verächtlich vorbei, und brauchen sie viel mehr als wir uns eingestehen. Gott wartet auf uns. Wir sind eingeladen. Die Hedwigkirche steht mitten in Berlin-Mitte, und sie ist viel zu oft ungenutzt. Warum nicht einmal zum Gebet vorbeikommen, vor der Oper, nach dem Geschäftstermin im Außenministerium, auf dem Weg ins Rote Rathaus.

Und wenn man sich an Gott herangetraut hat, vielleicht wird das Miteinander wieder leichter, vielleicht wird die Treue Gottes zum Modell für die Treue zwischen Menschen. Vielleicht werden wir ruhig, weil wir in Gott ruhen. Wir sind Sonnenschein und Sicherheit für andere, unsere Familien und unsere Freunde, ja unsere Kollegen und Kunden.

Der Autor ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank. (Im Internet: www.norbert-walter.de )

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