Meinung : In dieser großen Zeit

Angela Merkel und die Weltkrise: Wird aus „Miss World“ bald „Miss Mecklenburg“?

Malte Lehming

Es wirkt wie eine Geschichte aus der Vorvergangenheit. Lang jedenfalls ist sie her. Da gab es einmal eine deutsche Kanzlerin, zum ersten Mal eine Frau und aus dem Osten, die sich entgegen den Ansichten vieler Nörgler äußerst wacker schlug. Erfolge erzielte sie vor allem auf der internationalen Bühne. Sie kämpfte für den Klimaschutz, beherrschte die Gipfeldiplomatie, focht für Europa und mahnte, anders als ihr Vorgänger, in Moskau und Peking die Einhaltung der Menschenrechte an. Sogar den Dalai Lama empfing sie im Kanzleramt und scherte sich nicht um chinesisches Wutgeheul.

Damals wurde Angela Merkel „Miss World“ getauft, sie galt als mächtigste Frau der Welt. Alle verflixten Kompromisse, die ihr innenpolitisch von der großen Koalition abverlangt wurden, kompensierte sie durch den Eindruck, im Reigen der großen Mächte munter mittanzen zu können. Dann aber donnerte eines Tages mit großer Wucht die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, kurz Weltkrise, auf sie herein und zerschlug Merkels Koordinatensystem. Seitdem wirkt sie angeschlagen, gehetzt, orientierungslos.

Das wird sich durch den G-20-Gipfel kaum ändern. Denn einerlei, ob in London die Konjunkturbelebungsgruppe (angeführt von den USA) triumphiert oder die Finanzsystemregulierungsfraktion (angeführt von Merkel und Nicolas Sarkozy): Welche Seite recht hat, wird sich in Monaten oder gar Jahren erweisen, sicher aber nach der nächsten Bundestagswahl. Bis dahin ist klar, was auf Merkel zukommt – rapide steigende Arbeitslosigkeit, weiter einbrechendes Wachstum, fortgesetzte Defizite. Nimmt man die immer noch auf niedrigem Niveau stagnierende Geburtenrate hinzu (trotz Elterngeldes!), ergibt sich eine deprimierende Bilanz. Exakt dieselben Gründe, durch die sich Bundespräsident Horst Köhler im Juli 2005 gezwungen sah, Neuwahlen anzusetzen, kennzeichnen den Zustand der Republik auch heute.

Merkel kann nichts für die Finanzkrise, und ob ihre Maßnahmen dagegen richtig oder falsch sind, wird sich erst zeigen. Aber sie kann etwas für den Eindruck, den Ereignissen lediglich hinterherzuhecheln, statt auf sie Einfluss nehmen zu wollen. Die Tiefe der Krise hat sie erst spät verstanden. Und ob sie bereits deren volle Tragweite erkennt – von sozialen Unruhen über zusammenbrechende Staatswesen bis hin zu globalen Instabilitäten – darf bezweifelt werden. Öffentlich zumindest hält sie sich mit entsprechenden Kalkülen sehr zurück.

Aber eines muss sie bedenken: Die Bundestagswahl entscheidet sich weder an ihrer Klimapolitik noch an der Menschenrechtsfrage in China und Russland. Sie entscheidet sich auch nicht an Afghanistan oder der Piratenjagd vor Somalia. Nur wenn eine Mehrheit der Deutschen im Herbst das Gefühl hat, dass ihr Land im Vergleich zu anderen Industrienationen die Krise gut übersteht, muss sich Merkel keine Sorgen machen. Andernfalls könnte aus „Miss World“ ganz schnell „Miss Mecklenburg“ geworden sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben