Meinung : „In Tunesien wird das Internet scharf überwacht“

Andrea Nüsse

Kollegen beschreiben den französischen Journalisten Christophe Boltanski als  einen eher unauffälligen Menschen. Er recherchiere sehr genau, schrecke dann aber vor harter Kritik und unbequemen Enthüllungen nicht zurück. In dieser Tradition hatte der 43-Jährige, der heute stellvertretender Außenpolitikchef der französischen Tageszeitung „Liberation“ ist,  am Freitag in seiner Zeitung darüber berichtet, wie tunesische Menschenrechtler bei einer Demonstration von der Polizei geschlagen wurden. Am Abend desselben Tages wurde Boltanski selbst Opfer eines Überfalls, als er im Zentrum von Tunis auf sein Hotel zuging. Der Journalist wurde geschlagen, getreten und mit einem Messer verletzt. Die Polizei, die sich in der Nähe befand, habe nicht eingegriffen.

Ebenfalls stutzig macht, dass die tunesischen Behörden dann aber mehrere Tage nach dem Überfall und den Beschwerden der französischen Regierung angeblich die Täter fassen konnten. „Liberation“ geht davon aus, dass sie möglicherweise Beamte in Zivil waren. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ wiederum bezichtigt Tunesien, ein Staat ohne Pressefreiheit zu sein. Das Pikante: Hier wird heute feierlich der Informationsgipfel der Vereinten Nationen eröffnet. Daher schlägt der Überfall auf den französischen Journalisten Boltanski wenige Tage vor diesem Großereignis solch hohe Wellen. Denn im Vorfeld hatte es viel Kritik am Austragungsort Tunis gegeben, weil Präsident Ben Ali mit harter Hand regiert und politische Opposition sowie eine kritische Presse systematisch unterdrückt.

Das wusste auch Boltanski, der auf die arabische Welt spezialisiert ist. Ende der 80er Jahre machte er in Kairo seinen Zivildienst, während dieser Zeit arbeitete er bei der französischsprachigen Tageszeitung „La Gazette d’Egypte“. Später ging Boltanski als Korrespondent für „Liberation“ nach Jerusalem, wo er Israel und die besetzten Palästinensergebiete betreute. In dieser Zeit schrieb er zusammen mit einem Kollegen eine Biographie von Palästinenserführer Jassir Arafat („Die sieben Leben des Jassir Arafat“). Seine Berichterstattung machte ihm in Israel viele Feinde, und er war wohl nicht unfroh, der Region für einige Zeit den Rücken zu kehren. Anschließend berichtete er für „Libé“ aus London, bevor er vor zwei Jahren in die Redaktion zurückkehrte. Ob er so bald wieder nach Tunesien reisen wird, ist fraglich.

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