Meinung : Indonesien: Diesmal weinte der Mann

Robert von Rimscha

Beim letzten Mal gab es Vorschuss-Lorbeeren. Das war im Oktober 1999, als mit Abdurrahman Wahid erstmals ein demokratisch Gewählter und zudem ein toleranter Intellektueller Präsident von Indonesien wurde. Jetzt, nach knapp zwei Jahren, ist Wahid gescheitert. Sein Amt ist geblieben. Als "den härtesten Job der Welt" hat ein führendes Asien-Magazin es beschrieben.

210 Millionen Menschen auf 13 677 Inseln zu regieren, ist nicht leicht. Dazu noch eine Wirtschaftskrise, gewalttätige Autonomiebewegungen, ein teilentmachtetes Militär, Bürokraten des ancien régime und eine kaum funktionierende Justiz zu erben, macht das Amt zur Bürde. Und dann auch noch im Schatten von Suharto zu stehen, dem Autokraten, der das Land über drei Jahrzehnte beherrschte, macht ein Gelingen fast unmöglich.

Wahid, blind, krank und stur, hat es nicht vermocht, zu steuern. Das Parlament war seiner erratischen Politik zuletzt so überdrüssig, dass fragwürdige Korruptionsvorwürfe herhalten mussten, um ihn loszuwerden. Einstimmig ist er abgesetzt worden - auch deshalb, weil er Rügen ignorierte und zuletzt mit Notstandsmaßnahmen sein Amt retten wollte. Noch ist nicht klar, ob Wahid selbst und seine Anhänger vor allem auf Java das Aus akzeptieren werden. Ein honorigerer Abgang, der Wahid sein Gesicht hätte wahren helfen, wäre eine bessere Voraussetzung für einen friedlichen Wechsel gewesen.

Das Parlament entdeckt seine Macht

Beschwipst von seiner neuen Macht hat das Parlament die Wahlsiegerin von 1999 nun verspätet und in einem Akt nachträglicher Gerechtigkeit ins Präsidentenamt gehoben. Damals, 1999, bekam Megawati 34 Prozent, Wahid nur elf. Sie weinte, als Wahid, ein enger Freund, sie ausmanövrierte und durch geschicktes Schmieden von Allianzen selbst Präsident wurde. Die stets leise sprechende Tochter des Staatsgründers Sukarno hat dazugelernt. Zwei Dinge, die für Politik in Indonesien entscheidend sind, beherrscht sie heute besser als damals: Schattenspiele und Symbol-Setzungen.

Wer in Jakarta regieren will, muss Kompromisse suchen und Partner für einen Konsens finden - bei einem Land so großer Gegensätze keine schlechte Herangehensweise. Megawati startet ähnlich wie Wahid: Ihr wird mehr Verehrung entgegengebracht, als sie Fertigkeiten bewiesen hat. Doch ihre Biografie, die Abstammung vom ersten Präsidenten, die Mischung aus Elite und sanftem Widerstand gegen Suharto, die Rückversicherung in der eigenen Geschichte: Das alles lässt sich in politisches Kapital ummünzen. Wenn sie geschickt ist.

Diktaturen lassen sich meist nur durch breite Gegenbewegungen stürzen. Doch danach zerfallen auch die wieder. So, wie in Osteuropa die antikommunistischen Blöcke zerbrochen sind, ist auch in Indonesien die ohnedies lose Anti-Suharto-Allianz geplatzt. Das ist ein Stück Normalität. Bedrohlich ist ein ganz anderes Auseinanderdriften: jenes der Ethnien, Religionen und Regionen. Den vielen, die staatliche Eigenständigkeit für ihren Teil Indonesiens reklamieren, hat Megawati bislang ein sehr knappes Programm entgegengesetzt. Ein Nein.

Von Wirtschaft hat sie wenig Ahnung. Doch immerhin gute Berater. Ein Leben, aus persönlichen Gründen nah am Zentrum der Macht aber stets politik-fern verbracht: Darin gleicht sie George W. Bush. Wie dieser muss sie on the job lernen: in der Praxis, mit aller Verantwortung, ohne Schonfrist.

Ein Symbol gibt es, das weit über Indonesien hinaus reicht. Das größte moslemische Land der Welt wird nun von einer Frau gelenkt. Im Rückblick wird man später entscheiden können, ob ihr Amtsantritt der Anfang vom Ende des turbulenten Übergangs oder nur ein weiteres Kapitel im Niedergang Indonesiens war. Noch ist beides möglich.

Die ganz normalen Bürger sehnen sich vor allem nach Stabilität: Stämme, die einander nicht mehr die Köpfe abschneiden; eine Währung, die wieder etwas wert ist; Politiker, die ein Konzept haben. Seit Montag ist Megawati eine der mächtigsten Frauen der Welt - indes auf einem undankbaren Posten. Bei all den Problemen, die sie erbt, muss man schon fast auf ein Wunder hoffen. Immerhin scheint sie zuversichtlich zu sein. Am Montag weinte nicht sie, sondern ihr Mann.

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