Islam : Mucks Minarette

Von Karl May zum Computerspiel: Über den kulturellen Umgang des Westens mit den Symbolen des Orients.

Thomas Kramer

Im Bildungsfernsehmehrteiler „Gülcans Traumhochzeit“ besichtigten 2007 die titelgebende türkischstämmige Moderatorin und ihr Zukünftiger, Erbe eines deutschen Brötchenimperiums, die Hagia Sophia. Allerdings zeigte sich der Bräutigam wenig beeindruckt. Gelangweilt erklärt er auch umgehend, warum: Wir haben nämlich „in Deutschland viel schönere Kirchen. Zum Beispiel Neuschwanstein“. Ein an Skurrilität kaum zu übertreffendes Beispiel westlichen Dünkels.

1979 monierte der amerikanische Literaturwissenschaftler Edward Said, dessen umstrittenes Werk „Orientalism“ kürzlich eine Neuübersetzung ins Deutsche erfuhr, die totale kulturelle Okkupation des Nahen Ostens durch den imperialistischen Westen. Bei aller berechtigten Kritik an neokolonialistischer Praxis vernachlässigte Said einen wichtigen Aspekt: Auch der moderne Westen wurde in einem langen Prozess von der Kultur und Lebensweise des „Morgenlandes“ geprägt, ja regelrecht sanft überformt. Der Orient wiederum „orientalisiert“ sich inzwischen auch selbst: Wer die alljährlichen sommerlichen Aufführungen von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ im Istanbuler Topkapi-Palast besucht, wird Stereotype, die sich kein Berliner oder Wiener Regisseur mehr erlauben dürfte, bestaunen können: Da fehlen weder die leicht bekleideten Bauchtänzerinnen noch bunt geschmückte Kamele samt ihren beturbanten Herren mit Krummsäbeln in Pluderhosen. Umgekehrt ähneln die Minarette der Hagia Sophia, bis zur osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 tatsächlich eine der Kirchen des Christentums, nicht von ungefähr den Zuckerbäckertürmchen des bayerischen Märchenschlosses.

Seit Jahrhunderten prägen Versatzstücke eines imaginären „Orients“ unser Unbewusstes. Der blaublütige Bauherr von Königsschlössern wie Herrenchiemsee und Linderhof mit seinem maurischen Kiosk und dem marokkanischen Haus ist dafür ein prominentes Beispiel. Mit illustren Zeitgenossen wie dem britischen Premier Benjamin Disraeli teilte König Ludwig eine romantisch übersteigerte Begeisterung für alles Orientalische. Verzückt bewunderte man Ölschinken mit bombastischen Kreuzzugsszenen aus den „Salles de Croisades“ in Versailles. Diese Gemälde inspirierten noch über hundert Jahre später Ridley Scott für das Historienepos „Königreich der Himmel“ von 2005. Immer wieder bezieht man sich auf den geheimnisvollen Orient – nicht zuletzt, um dadurch über die eigene Kultur und Sehnsüchte zu reflektieren und Begehrlichkeiten und Ängste zu bebildern.

Auch wenn man noch nie einen Harem gesehen hat und auch bei der Erstürmung Akabas durch Lawrence von Arabien nicht mitgeritten ist, man hat doch gewisse Vorstellungen. Die werden vor allem durch literarische Texte, Filme, Nachrichtensplitter oder Computerspiele medial vermittelt. So kennen viele Harun al-Raschid nicht aus Hugh Kennedys wissenschaftlichen Werken, sondern aus Wilhelm Hauffs „Kalif Storch“. Was den Sunniten vom Schiiten unterscheidet, erfuhren Gymnasiastengenerationen nicht im Religionsunterricht, sondern aus Karl Mays „Von Bagdad nach Stambul“. Über CIA-Aktivitäten im Nahen Osten vermeint man aus den Thrillern von Hardliner Tom Clancy bestens informiert zu sein. Und dass zur Moschee der Muezzin gehört wie der Bart zum Propheten, ist im kulturellen Gedächtnis spätestens seit dem „Dieb von Bagdad“ und „Dem kleinen Muck“ tief verwurzelt. Die Bilder basieren zwar nicht selten auf Ahnungslosigkeit, doch lässt umgekehrt ein Wissen von der Region ihre Macht nicht einfach wirkungslos werden. Nachdem die Herrschaft des osmanischen Reiches – ein halbes Jahrtausend Synonym für die bedrohliche islamische Welt – bröckelte und man den „kranken Mann am Bosporus“ sogar als Bundesgenossen für anstehende Konflikte mit europäischen Konkurrenten entdeckte, schmückten die Deutschen ihre Villen oder Industriepaläste im Stil morgenländischer Gotteshäuser. So entstand zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Yenidze, eine im Moscheestil erbaute Dresdner Zigarettenfabrik mit Entlüftungsschächten und Schornsteinen in Minarettform. Bis heute sind die Einwohner von Elbflorenz auf den prachtvollen Jugendstilbau fast so stolz wie auf Semperoper oder Grünes Gewölbe. (Bleibt nur zu hoffen, dass kein Islamfeind die Yenidze als Bedrohung sächsischer Kultur ausmacht – überragt doch ihr „Hauptminarett“ den Turm der Frauenkirche!)

Ob im Alten Testament oder im aktuellen Computerspiel, der geheimnisvolle Orient beschäftigt die Fantasie des Westens. Er ist gleichzeitig Wiege abendländischer Zivilisation und Geburtsstätte aller monotheistischen Weltreligionen. Nun ist der „Orient“ allerdings keine geographisch beschreibbare Tatsache. Im Alltagsgebrauch bezeichnet man heute damit den islamisch geprägten Kulturraum mit Ausnahme Süd- und Südostasiens. Viele mythenträchtige historische Figuren, Ereignisse oder architektonische Traditionen des Nahen Ostens sind in der nebelverhangenen Grauzone zwischen Sage, Halbwissen und Wirklichkeit angesiedelt – was ihre politische wie mediale Instrumentalisierbarkeit erleichtert.

Schnell stößt man auf eine Reihe von Orientbildern, die bis heute in keinem morgenländischen Märchenspektakel fehlen. Beispielsweise ist die Silhouette von Moschee samt Minarett wie in Disneys Zeichentrickspaß „Aladdin“ Chiffre für die orientalische Stadt schlechthin. Dabei ist völlig belanglos, dass in der Realität der derzeit so umstrittene Turm gar kein zwingender Bestandteil des islamischen Gotteshauses ist. Moscheen ohne Minarett, in deren Hinterzimmern sich die übliche Terrorzelle trifft, sind bislang noch Privileg von amerikanischen Fernsehserien wie „Navy CIS“.

In der Welt märchenhafter Fantasy dagegen lässt sich kein Produzent die dramaturgischen Möglichkeiten himmelhoch ragender Minarette entgehen. Die Kamera zoomt meist sofort auf Sultanspalast und Moschee, von deren Minarett ein Muezzin die Gläubigen viel öfter als in der Realität zur Andacht ruft. In der Regel hat der „Dieb von Bagdad“ aber sowieso andere Sorgen: Ihm bietet die pittoreske Kulisse allerlei Fluchtmöglichkeiten. Im Klassiker von und mit Douglas Fairbanks von 1924 sind gerade mal zehn Minuten vergangen, da nutzt er bereits eine von seinen Verfolgern eingelegte Gebetspause, um über ihre gebeugten Rücken zu entweichen. Später schnappt er sich dann den legendären fliegenden Teppich. Dass der einfach so über die Leinwand schwebte, war gar keine morgenländische, ja noch nicht einmal eine amerikanische Erfindung. Der Lorbeer gebührt eigentlich den Deutschen Fritz Lang und Thea von Harbou. 1921 drehte das spätere Regisseursehepaar „Der müde Tod“. Zu den packendsten Szenen der im Orient spielenden Filmepisode gehört ein so vorher im Kino noch nie gesehener Ausflug auf einem Teppich. Douglas Fairbanks schaute sich den Film in einer Privatvorführung an und verhinderte umgehend den Vertrieb in den Vereinigten Staaten. So erfuhr das US-Publikum nicht, dass sich ihr Star für den technischen Trick an einem deutschen Vorbild orientierte.

Der fliegende Teppich ist jedenfalls seitdem der Einrichtungshit des filmischen Phantasieorients. Daran hat sich bis heute nichts geändert. All die futuristischen Raumgleiter Luke Skywalkers oder Han Solos, einem modernen Sindbad, in George Lucas’ Weltraumoper „Star Wars“ sind im Grunde getunte fliegende Teppiche in oft unverkennbar orientalisiertem Ambiente. Wen die Wüstennester des Planeten Tatooine an seinen Urlaub in Nordafrika erinnern, täuscht sich nicht: Lucas drehte an malerischen tunesischen Schauplätzen, die schon Autoren wie Karl May oder Künstler wie Paul Klee und August Macke inspirierten.

Auch die Comicwelt kommt nicht ohne den schwebenden Bettvorleger aus. Gleich ob „Asterix im Morgenland“ 1987 oder die Digedags, Helden des Ost-Berliner „Mosaik“ 1974: Man ist stilgerecht per Raumtextilie unterwegs. Wobei dem Betrachter im DDR-Kultcomic noch eine Portion historischer Materialismus verordnet wird, bevor er sich mit den drei Hauptfiguren in die Lüfte schwingen darf: „Ihr werdet sicher wissen, dass ein Teppich ein kostbares Erzeugnis ist, aber der Weber, der täglich viele tausend Knoten knüpft, hat nie den gerechten Lohn dafür empfangen. Während er tagaus, tagein den Schmuck für die Paläste der Reichen schaffen muss, wünscht er sich oft, diesem elenden Sklavendasein entfliehen zu können.“ So entstand „die Sage vom fliegenden Teppich“. Damit es nicht allzu sehr nach Bertolt Brechts Hymnus „Die Teppichweber von Kujan-Baluk ehren Lenin“ klingt, kommt anschließend der Klamauk nicht zu kurz. Der gipfelt darin, dass sich ein fliegender Teppich an einer Minarettspitze verfängt.

Wie zwei seiner größten Erfolge beweisen, benötigt auch das Jump- ’n’-Run-Metier der Computerspiele jede Menge Minarette. Denn von wo springt der Held eindrucksvoller als vom Moscheedach, aus dessen luftiger Höhe er eben noch diverse Schurken in die tiefsten Schründe der Dschehenna expedierte? 2007 begab sich Held Altair im Computerspiel „Assassin’s Creed“ vor dem Hintergrund des dritten Kreuzzuges 1191 auf Friedensmission im Auftrag seiner Sekte. Dabei geht es allerdings etwas rabiater zu als in Lessings „Nathan der Weise“ von 1779 vor gleichem historischen Hintergrund. Anstatt auf den Dialog der Religionen setzt man in „Assassin’s Creed“ auf blitzende Dolche und harten Körperkontakt. Kirchturm oder Minarett haben dabei keine symbolische oder politische Bedeutung – sie sind zeitgemäße Kulisse. Rechtzeitig zum aktuellen Weihnachtsgeschäft schwingt sich seit zwei Wochen Altairs Nachfolger Ezio in „Assassin’s Creed II“ im Italien der Renaissance meuchelnd über die Dächer von Florenz und Venedig. An die Stelle von Kreuzfahrerfeste und Minarett treten Dogenpalast und Campanile.

Dabei wird wohl niemand auf den Gedanken kommen, dass global agierende Computerspielhersteller mit Milliardenprofiten der verlängerte Arm Osama Bin Ladens seien. Längst mischen sich in der Unterhaltungsindustrie Elemente aller kulturellen Epochen und Stilrichtungen. Das Argument historischer Authentizität der Hintergründe kann nicht über den kulturellen Eklektizismus hinwegtäuschen. Man mag bedauern, dass der Sprössling inzwischen lieber zu „Grand Theft Auto“ als zu „Durchs wilde Kurdistan“ greift. Andererseits wird im modernen Medium oft gelassener mit den Symbolen anderer Kulturen umgegangen als bei so manch einem Klassiker. Vielleicht sollten einige unserer eidgenössischen Nachbarn statt alljährlicher martialischer Tell- öfter mal entspannte Computerfestspiele zelebrieren.

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