Meinung : Ist Gewaltbereitschaft im Osten Folge autoritärer DDR-Erziehung?

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„Alleingelassen“ vom 8. Dezember

Mit Befremden las ich den Artikel von Herrn Schroeder. Dem Autor, seiner Vita nach ein studierter Politikwissenschaftler und Historiker, zufolge resultiert die Gewaltbereitschaft in den neuen Ländern u. a. aus der „Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile sowie deren Vereinnahmung durch gesellschaftliche Organisationen“, weshalb im Ergebnis für die Familie zu wenig Zeit blieb. Dies und „autoritäre Erziehungspraktiken“ sowie fehlende Kompromissfähigkeit seien primär ursächlich für prügelnde Ossikinder. Mich würde interessieren, woher der in den alten Ländern geborene Autor seine Kenntnisse erhält. Derart unreflektiert und einseitig über die DDR-Jugend zu berichten, ist ein Hohn. Wenngleich ich als 1979 geborener Ossi nicht mehr zur Riege der FDJler (wohl aber noch der Thälmann-Pioniere) gehöre, kann ich diesen Artikel nur als schlechte Posse bezeichnen. Gerade in dem strukturierten Alltag vieler Kinder und Jugendlicher, gefördert durch Vereine – oder wie der Autor meint: gesellschaftliche Organisationen – wurde jungen Menschen gesellschaftliches Miteinander beigebracht. Und dies nicht ständig im Drill des SED-Regimes. Der Wegfall vieler Institutionen und Vereine, die nach westdeutschem Verständnis zuviel Gelder verschlingen, ließ einen Großteil der „Prügelknaben“ mit ihren Problemen allein. Fehlenden Zusammenhalt in der Familie hat es im Osten nach meinen Erfahrungen kaum gegeben – ganz im Gegenteil. Auch sehe ich mich nicht als eine Ausnahme von der im Artikel vermeintlich beschriebenen Regel. Der weit überwiegende Teil meiner Freunde und Bekannten (Ossis) hat studiert und/oder einen ehrbaren Beruf erlernt, steht in Lohn und Brot und engagiert sich für die Gesellschaft.

Letztlich sollte sich Ihr Autor die Frage stellen, wie es um das „Tatortprinzip“ hinsichtlich westdeutscher Radikaler bestellt ist, die zum Prügeln in den ach so schändlichen Osten fahren.

Martin Hünecke, Magdeburg

Sehr geehrter Herr Hünecke,

Professor Schroeder ist insofern zuzustimmen, als die unterschiedliche Verteilung rechtsextremer Orientierungen wie auch Gewalthandlungen in Ost und West eine statistische Tatsache ist. Auch viele der von ihm angeführten Erklärungen für die fremdenfeindlichen Gewaltexzesse nach der Wiedervereinigung sind fachlich anerkannte Argumente, z.B. die Bedeutung eines starken Freund-Feind-Denkens und auch der Einfluss autoritärer Erziehungspraktiken. Diskussionswürdig ist jedoch zum einen, das nachwirkende DDR-Erbe als eine der zentralen Erklärungen für Rechtsextremismus und Gewaltbereitschaft in den neuen Bundesländern auch heute noch anzuführen. Inwiefern dieses immer noch bruchlos fortwirkt, ist tatsächlich fraglich. Zudem bleiben hier andere mögliche Erklärungsfaktoren tendenziell ausgeblendet. So entsteht letztlich das Bild, das bloße Aufwachsen in der DDR bzw. in den neuen Bundesländern stelle bereits einen Risikofaktor dar.

Kritisch anzumerken ist zum anderen eine gewisse Einseitigkeit der Darstellung. An verschiedenen Stellen versäumt es Herr Schroeder, darauf hinzuweisen, dass die angeführten Phänomene nicht nur in den neuen Bundesländern verbreitet sind bzw. Erklärungsfaktoren nicht nur hier Wirkkraft entfalten. Auch in den alten Bundesländern kam es unmittelbar nach der Wiedervereinigung Anfang der 1990er Jahre zu massiven fremdenfeindlichen Übergriffen (Mölln 1992, Solingen 1993), die von westdeutschen Tätern begangen wurden. Ebenso gilt: Auch in Westdeutschland sind viele Regionen von sozialem Wandel betroffen und durchlaufen Transformationsprozesse – was auch im ‚Westen’ die Ausprägung rechtsextremer Weltbilder begünstigt. Klaus Schroe-

der spricht diese Tatsache nur ganz am Rande an, so dass am Ende der – so wissenschaftlich nicht belegbare – Eindruck bestehen bleibt, rechtsextreme Einstellungen und Gewaltbereitschaft im ‚Osten’ Deutschlands seien primär auf die DDR-Vergangenheit zurückzuführen bzw. ein spezifisch ostdeutsches Phänomen. In Ihrem Brief wenden Sie sich insbesondere gegen den von Herrn Schroeder hergestellten Zusammenhang mit der Vollerwerbstätigkeit der Eltern und ihrer Einbindung in gesellschaftliche Organisationen. Hier werden in der Tat in nicht nachvollziehbarer Weise letztlich Quantitäten (weniger Zeit) mit Qualitäten (schlechtere Erziehung) gleichgesetzt. Bisherige Forschungsergebnisse zeigen keine Zusammenhänge mit dem Erwerbsstatus der Mütter (um den es hier letztlich geht). Demgegenüber zeigt sich, dass es rechtsextremen Gewalttätern in ihrer Kindheit häufig an verlässlichen männlichen Vorbildern mangelte. Dass das klassische westdeutsche Erwerbsmodell des (männlichen) Alleinverdieners diese Vorbilder eher zu liefern vermochte, ist zumindest fraglich.

P.S.: Etwas irritierend ist auch, dass der Autor bei aller Kritik am DDR-System dessen Perspektive auf „schwer erziehbare“ Jugendliche und die „Jugendwerkhöfe“ übernimmt. Ausgeblendet bleibt, dass hier eben nicht nur gewalttätige Jugendliche weggesperrt wurden, sondern ebenso jene, die nicht (oder vermeintlich) nicht systemkonform waren oder aus anderen Gründen in die Mühlen des DDR-Heimerziehungssystems gerieten.

— Dr. Frank Greuel, Michaela Glaser, Anna Verena Münch. Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit am Deutschen Jugendinstitut e.V., Außenstelle Halle 

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