Meinung : Jenseits von Kloppe und Kommunismus

Gewalt, Gegengewalt, Gegengegengewalt. In Berlin-Friedrichshain geraten Linke und Rechte immer heftiger aneinander. Doch glaubwürdiger Antifaschismus muss strikt gewaltfrei sein.

Frank Jansen

Die Sprache ist nur schwer zu verdauen. „Wir haben abgrundtiefen Hass auf Nazis“, heißt es in einem Aufruf der linken Szene zur Demonstration am morgigen Sonnabend in Berlin-Friedrichshain. Die Wut kocht hoch, nachdem im Partyviertel Linke und Rechte aneinander gerieten, ein Rechter am Kopf verletzt wurde und die Rechten dann einen Linken lebensgefährlich verletzten. Nun verkündet die „linke“ Sprache Gegengewalt, bis zum Äußersten. „Wieso sollen wir Menschen achten, die das Leben an sich nicht achten“, wird in dem Flugblatt gefragt.

Die „rechte“ Sprache zum selben Thema: Auf der viel gelesenen Neonazi-Homepage Altermedia droht der anonyme „Schriftleiter“, dass sich „nationale Menschen“ nicht alles gefallen lassen sollten, nur weil irgendwelche linken Gewalttäter „dies als menschenverachtend ansehen“ könnten. Gegengegengewalt, bis zum Exzess.

In den Köpfen tobt der Bürgerkrieg. Die Neonazis prügeln in dem Wahn, sie seien die Wiedergeburt der SA. Die Antifa glaubt, sie habe das Recht zur Selbstjustiz. Die jungmilitanten Nazigegner sehen sich in der Tradition von Rotfrontkämpferbund und linker Milizen im spanischen Bürgerkrieg. Beide Seiten blenden aus, dass die dreißiger Jahre lange vorbei sind und sich glücklicherweise nicht wiederholen werden. Nazis und Antifa sind heute Randphänomene, ihr politisches Gewicht ist minimal. Die von beiden Seiten verspottete Demokratie ist ihnen in jeder Hinsicht überlegen. Und sie lässt sich ihr Gewaltmonopol nicht nehmen. Weder von Rechten noch von Linken. Bleibt auf dem Teppich, ihr Rumpelstilzchen!

Zu verharmlosen gibt es allerdings nichts. Die rechte Gewalt hat seit der Wiedervereinigung mehr als 100 Todesopfer gefordert, tausende Menschen wurden verletzt. Die Brutalität, mit der am Sonntag der junge Linke malträtiert wurde, ist kaum fassbar und doch beinahe Alltag. Und es stimmt auch: Linke Gewalt erscheint nicht im selben Maße entgrenzt. Dass Antifas einen Obdachlosen oder einen Afrikaner zu Tode trampeln, ist unvorstellbar. Die Militanz junger Linker, soviel sollte man schon differenzieren, ist nach dem Ende der Roten Armee Fraktion nicht auf die Vernichtung von Menschenleben programmiert. Es werden allerdings Tote in Kauf genommen, vor allem bei Brandanschlägen. Zu rechtfertigen ist auch linke Gewalt in keinem Fall.

Außerdem: Die Gewalt der Antifa bleibt eine politische Dummheit. Wer einen Neonazi angreift, weil der eine Thor-Steinar-Jacke trägt, schenkt der rechten Szene einen Märtyrer, mit erwartbaren Folgen. Nebenbei wird der Antifaschismus diskreditiert, wenn er mehr sein soll als Kloppe und Kommunismus. Widerstand gegen Neonazis muss zivil bleiben, um glaubwürdig zu sein. Militanz bedeutet Mackertum und Eskalation. Von dieser Sorte Antifa sollten sich Demokraten fernhalten. Sympathien für das Haudrauf-Milieu, wie sie hier und da bei Linkspartei und Jusos aufflackern, sind falsch.

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