Meinung : Jérôme Kerviel

Der Milliarden-Zocker aus Frankreich löst nicht Wut aus, sondern Respekt – warum?

Malte Lehming

Im großen Reich der Mythen ist er eine Mischung aus Superman und Dagobert. Dabei weiß man gar nicht viel über ihn: jung, hübsch, brillanter Student, schüchtern, Einzelgänger, Computergenie. Jérôme Kerviel, ein 31-jähriger Bankangestellter, hat den größten Kapitalverlust aller Zeiten verursacht. Durch betrügerische Geschäfte bescherte er der französischen Bank Société Générale einen Verlust von fast fünf Milliarden Euro. Insgesamt setzte er rund 50 Milliarden Euro aufs Spiel, was den gesamten Börsenwert der zweitgrößten Bank Frankreichs weit überstieg. Wollte man diese unvorstellbar große Summe an dieser Stelle ausschreiben, stünde die letzte Null wohl irgendwo im Feuilleton.

Die Motive des Mannes sowie die genauen Hintergründe der Tat sind noch nicht umfassend geklärt. Wilde Spekulationen kursieren. Doch schon jetzt ist klar: Kerviel ist ein Faszinosum. Binnen Stunden hat sich im Internet eine riesige Fangemeinde versammelt. Nicht Wut über den Gesetzesbrecher breitet sich aus, sondern Bewunderung für dessen Raffinesse.

Das Phänomen ist nicht neu. Im Urteil der Öffentlichkeit dürfen Robin Hood und Greenpeace gegen Gesetze verstoßen, weil sie das Gute befördern wollen. Bei Kerviel indes ist die Sache komplizierter. Er wollte nichts Gutes, war aber auch nicht raffgierig. Vielleicht trieb ihn bloße Spielsucht. Seine Tat freilich ist spektakulär, genial, gigantisch. Gleichzeitig führte er, wie Superman als Clark Kent, ein Doppelleben: hier der brave Angestellte, dort der diabolische Zocker.

Damit erfüllt Kerviel die entscheidenden Bedingungen, ihm nicht nur klammheimliche Sympathie entgegenbringen zu dürfen, sondern offene Verehrung. Weil kein Individuum durch ihn zu Schaden kam, darf sich das rebellische Herz ohne schlechtes Gewissen auf seine Seite schlagen. Mit ihm feiert die Anarchie des Alltags einen Mega-Triumph. Das war nicht anders bei Arno Martin Franz Funke, alias Dagobert, dem längsten und aufwendigsten Erpressungsfall in der deutschen Kriminalgeschichte; bei Nicholas „Nick“ Leeson, dem Derivatehändler, dessen Spekulationen zum Zusammenbruch der ältesten Investmentbank des Königsreichs geführt hatten.

Und es war nicht anders bei den britischen Posträubern und jenen Hackern, die es schaffen, ins Pentagon einzudringen. Denn das ist der Traum jedes reibungslos funktionierenden Bürgers: Ich zeig’s euch allen! So gesehen äußert sich in der Sympathie für Kerviel ein narzisstischer Allmachts-Eskapismus. Es geht! Ein Einzelner kann ein anonymes Riesenimperium besiegen. Genie schlägt Macht.

Der junge, unscheinbare Angestellte verkörpert die Hoffnung aller anderen unscheinbaren Angestellten, einmal mehr zu sein, viel mehr, als sie sind. Und er verkörpert ihre Rachelust an all jenen, die sie zu unscheinbaren Angestellten gemacht haben. In Kerviel sehen sie sich erlöst von der Faktizitätshärte ihrer Realität. Jedenfalls einen Moment lang, jedenfalls in der Fantasie. Der Milliarden-Zocker befriedigt das Bedürfnis von Millionen Menschen.

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