Meinung : Joachim Zeller: Steffels erste Power-Points

Gerd Nowakowski

Konfetti gab es bei der Wahl zum Spitzenkandidaten, doch von Glanz war bislang wenig zu spüren. Frank Steffel hat eher mäßigen Eindruck gemacht, zuweilen gar eine unglückliche Figur. Nach der Love-Parade sorgte er mit dem Rechen für Sauberkeit und auf der Stadtautobahn spielte er den Rächer gegen den rot-grünen Dauerstau. Das war zu bemüht, um wirklich frisch zu wirken - weder im Auftritt noch beim Thema. Einen Neuanfang der CDU konnte der Kandidat nicht vermitteln. Steffel trifft nicht das Wahlgefühl der Stadt, konstatierte am Mittwoch das Meinungsforschungsinstitut Forsa.

Das kann sich ändern. Die Chance, bis zum Wahltermin aus den derzeit derangierten Berliner Christdemokraten eine vorzeigbare Partei zu machen, hat sich Steffel in den vergangenen sieben Tagen eröffnet. Am Anfang der Woche der Entscheidung standen die beleidigenden Worte des Generalsekretärs Ingo Schmitt - am Ende neue Personen und neue Optionen für die CDU. Erstmalig hat Steffel seine Entschlossenheit deutlich gemacht, nach Spenden-Skandal und Bank-Krise einen Schnitt zu machen und die Partei zu erneuern. Die Gelegenheit kam zufällig, doch Steffel nutzte sie. Er zwang Generalsekrtär Ingo Schmitt zum Rücktritt, er setzte sich beim Nachfolger durch. Und nahezu unbemerkt tauschte Steffel auch den Fraktionssprecher aus, einen alten Landowsky-Vertrauten. Das ist am Ende der Woche das Signal an seine Partei: Die "neue Kraft", die von Diepgen und Landowsky so lange hochgepäppelt wurde, dass er zuweilen bis in die Wortwahl hinein wie ein Klon wirkte, hat sich emanzipiert. Die alte Macht des Landesvorsitzenden Eberhard Diepgen bröckelt. Und die CDU wird langsam eine andere.

Die CDU, das ist trotz aller Verdienste des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen für die Einheit der Stadt, immer noch vornehmlich eine West-Berliner Partei. Das gilt übrigens auch für SPD und Grüne. Bei den letzten Wahlen lag die CDU im West-Teil der Stadt nahe der absoluten Mehrheit, im Osten schwächelte man. Chancen auf künftige Mehrheiten eröffnen sich nur, wenn die CDU im Osten attraktiv und eine wirkliche Partei der Einheit wird. Das alte West-Berlin dankt in der CDU nun wirklich ab, mit Bezirksbürgermeister Joachim Zeller als neuem Generalsekretär spielt Steffel eine ganz neue Karte. Und macht den Wahlkampf interessant.

Go West - ist Gregor Gysis Strategie für den 21. Oktober. Go East - kontert Steffel. Und bringt damit nicht nur die PDS in Schwierigkeiten. Der eloquente Pragmatiker Joachim Zeller, durch seine offene Art Sympathieträger in West und Ost, ist ein verlockendes Angebot für Ost-Berliner Wähler. Zeller hat das Zeug, der Matthias Platzeck der CDU zu werden. Er ist gleichermaßen für Sympathisanten von SPD, Grünen und PDS attraktiv, und ebenso für die liberale Klientel im Osten. Der 49-jährige Zeller kann überzeugend Ost-Berliner Interessen vertreten, verkörpert sozialdemokratische Gedanken von sozialer Gerechtigkeit, hat seine Wurzeln bei den ostdeutschen Bürgerrechtlern und spricht zugleich die große Zahl von PDS-Wählern an, die eher konservativ denken. Der Bürgermeister von Mitte ist ein selbstständiger Denker, der vielfach zeigte, dass er sich von seiner Partei nichts vorschreiben lässt. Parteichef Eberhard Diegpen hat er öffentlich vielfach wiedersprochen. Das imponiert - und empfiehlt für höhere Aufgaben.

Mit Zellers Wahl - und der Entdeckung des Ostens - hat Steffel zum ersten Mal im Vorwahlkampf die Nase vorn. Einen für den Osten, einen für den Westen; und beide für die CDU. Ein christdemokratisches Doppelpack - das ist das Steffels Signal. Die Mitbewerber wird das nachdenklich stimmen. Denn auch die SPD hat in Ost-Berlin nur mäßige Zustimmungswerte, die Bündnisgrünen sind in den östlichen Randbezirken marginalisiert, die FDP kaum existent. Der Kampf um den Osten hat erst begonnen. Für die innere Einheit der Stadt ist das nicht schlecht.

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