John Sentamu : „Oberhirte? Sie machen wohl Witze“

Er ist eines von 13 Kindern einer nigerianischen Familie. 2005 wurde John Sentamu zum Erzbischof von York geweiht. Wird er jetzt zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche? Ein Porträt.

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Foto: AFP
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Anglikanische Kirche,Canterbury,WilliamsIn seiner Kolumne „Sentamus Sonntagskirche“ in der „Sun on Sunday“ schrieb der Erzbischof von York, John Sentamu gestern: „Rowan, du wirst mir fehlen.“ Rowan Williams, der scheidende Erzbischof von Canterbury, sei „oft schlechtgemacht worden von Leuten, die es besser wissen müssten“. Ob er den Job wolle? „Mein Gott, Sie machen wohl Witze“, sagte er auf die Frage einer Reporterin.

Gerade die Direktheit macht den 62-jährigen, in Uganda geborenen Theologen mit der Zahnlücke wohl geeignet für den Job. Die „Konstitution eines Ochsen und das dicke Fell eines Rhinozeros“ seien Voraussetzungen für den Job, warnte der zart besaitete Williams.

„Unser Kolumnist ist Favorit“, freute sich die „Sun“, aber die „Daily Mail“ warnte, der wohl populärste und populistischste Bischof der Anglikaner habe nicht das Zeug dazu, 80 Millionen Anglikaner weltweit als Oberhirte zu führen. Als Quellen der Warnung wurden „Kircheninsider“ genannt.

Der Wettlauf um den Job wird lang und mühselig: Williams bleibt bis Weihnachten im Amt. Er scheiterte an der Aufgabe, einen jahrelangen Streit um weibliche Bischöfe und die Bischofsweihe von Homosexuellen zu schlichten. Ein Vorbild für brüderliche Nachsicht sind die Anglikaner nicht. Schon wirft die Zwietracht, die den feinsinnigen Williams vertrieb, auch auf die Nachfolgefrage ihren Schatten.

Sentamu, eines von 13 Kindern einer ugandischen Familie, floh vor dem Regime Idi Amins, das stärkte seine kämpferische Natur. Als er 2005 zum Erzbischof von York geweiht wurde, zog er mit einer afrikanischen Trommel ins York Minster ein. 2007 zerschnitt er in einer Fernsehsendung seinen Pfarrerskragen und gelobte, kragenlos zu bleiben, bis Simbabwes Diktator Mugabe nicht mehr im Amt ist. Die Briten ermunterte er zu mehr Stolz auf ihre kulturelle Identität – und kritisierte einen Multikulturalismus, „der anderen Kulturen erlaubt, sich auszudrücken, der Mehrheitskultur aber verwehrt, ihre Ruhmestaten, Kämpfe, Freuden und Leiden zu artikulieren“.

Williams scheiterte beim Versuch, die Anglikaner auf ein gemeinsames „Regelbuch“ zu verpflichten. Sentamu gilt als Traditionalist, ist aber kein Reaktionär, der die Liberalen verschreckt. Als geborener Afrikaner wäre er gut platziert, die traditionalistischen Gläubigen einzubinden – heute die stärkste Gruppe der Anglikaner. Aber ob ein Erzbischof von Canterbury heute mehr tun kann, als den Niedergang der Kirche zu managen, weiß nur der liebe Gott. Matthias Thibaut

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