Meinung : Joschka – und mehr

Die Grünen haben sich nach nur 22 Jahren mit sich selbst versöhnt. Mit Erfolg

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Von Stephan-Andreas Casdorff

Der Sieg ist manchmal ja eine relative Angelegenheit. Daran gemessen haben die Grünen sogar enorm gesiegt: für und über sich selbst. Das erste Mal haben die Wähler und die Mitglieder die Regierungsbeteiligung ratifizieren müssen – und sie haben sich mit ihrer Zustimmung leicht getan.

Erstaunlich ist das nur im Blick auf die erste Halbzeit der Legislaturperiode. Da mussten die Grünen noch mit sich selbst kämpfen, mussten sie ihre Oppositionsreflexe niederringen. Das war angesichts der Entscheidung für den Kosovo-Krieg, die ja schon im Oktober 1998 im Bundestag fiel, schwer genug. Auch die Gewöhnung an die Kabinettsdisziplin war anfänglich eine, sagen wir: Herausforderung. Sie wurde in der zweiten Halbzeit bestanden, auch deshalb, weil der große Partner die stetig wachsende Zuverlässigkeit des kleinen Koalitionärs zu honorieren begann.

Dennoch war da der Phantomschmerz der Opposition. Und ironischerweise, möchte man fast sagen, endete er mit dem Einvernehmen im Kabinett darüber, dass Deutschland einen Krieg gegen den Irak nicht mitmachen würde. Denn das war nicht allein die Entscheidung des Kanzlers – es sollte niemand die Bedeutung seines Vizes Joschka Fischer unterschätzen.

Überhaupt: Fischer. Außen Minister, innen grün, so lautete sein Wahlspruch, und mit seiner Haltung zum Irak bestätigte er ihn. Seine Art, als Außenminister mit ruhigen Worten eine klare Position einzunehmen und sie gegenüber seinem Amtskollegen Colin Powell oder auch US-Präsident George Bush zu vertreten, korrespondierte mit dem urgrünen Pazifismus-Reflex. Beides verband sich in der Person des Spitzenkandidaten miteinander – und versöhnte die Grünen untereinander.

Das ist eine Integrationsleistung, die fortdauernde Wirkung haben wird, weil sie als Befreiung empfunden werden kann: Grün bleibt auch unter veränderten Bedingungen und im Härtetest Grün. Es gibt da doch eine unverwechselbare Identität über das Thema Klima hinaus. Daraus wird eine große Chance für die nächsten vier Jahre im Parlament. Der Versuch, die Partei mit weiteren Themen zu verbinden, sie auch mit ihnen in der Wählerschaft zu verankern, kann jetzt gelingen. Die öffentlich testierte Solidität lässt sich zum Markenzeichen ausbauen, gesellschaftspolitisch und auch auf den harten Feldern der Finanzen und der Arbeitsmarktpolitik. Was sich die FDP vorgenommen hat, können ihnen die Grünen wegnehmen.

Diese Haltung wird im Übrigen auch von Sozialdemokraten, sprich: ihren potenziellen Wählern, honoriert. Rot-Grün hat sich in deren Augen von einem Projekt zu einem Gesellschaftsmodell weiter entwickelt. Der kleinere Partner ist nicht beliebig, sein Verlust wird nicht einfach in Kauf genommen. So gesehen sind die Grünen auch eine Funktionspartei geworden – aber eben weniger funktionell als intellektuell.

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