Josef Joffe im Kurzinterview : Hellas ist das Bremen Europas

Was macht die Welt? Josef Joffe über den "Sozialfall" Griechenland, die Nörgelei gegen Joachim Gauck und Westerwelles Kärrnerarbeit.

Griechenland ist das Bremen Europas, meint Josef Joffe
Griechenland ist das Bremen Europas, meint Josef JoffeFoto: dpa

An diesem Montag stimmt der Bundestag über die neuen Griechenland-Hilfen ab. Was sollten die mit diesen 130 Milliarden Euro machen?

Eigentlich braucht Athen noch ein bisschen mehr, weil da gerade wieder ein kleines Loch in der Bilanz entdeckt worden ist. Aber was sind ein paar Milliarden unter Freunden? Jetzt gibt’s erst mal 130 Mia., also neue Schulden, die helfen, die alten zurückzuzahlen und die griechischen Banken zu rekapitalisieren. Dann werden an die 100 Mia. („freiwillige Beteiligung“) weggesäbelt. Folglich schmilzt die Schuldenlast, was ein paar Monate lang für etwas Ruhe in Euro-Land sorgen wird. Längerfristig bleibt es bei der Pleite, denn das Staatsdefizit steigt weiter. Wir müssen uns daran gewöhnen, Hellas als Bremen Europas zu betrachten: als lang währenden Sozialfall. Allerdings sind die griechischen Weine und Strände besser als die von Bremen.

Fast alle lieben Joachim Gauck. Warum eigentlich?

„Alle“ beziffern sich auf 69 Prozent. Die „schwatzende Klasse“ (Politik und Medien) nörgelt an Gauck seit dem Moment herum, da er („ungewaschen“) von der Kanzlerin und einer informellen Ampelkoalition (Rot-Grün-Gelb) auf den Schild gehoben wurde. Die Instant-Nörgelei ist eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass in den etwas älteren Demokratien – England, USA – ein neuer Premier/Präsident immer 100 Tage Schonfrist kriegt. Freundlicherweise hat das Twitter-Gewitter noch nicht die repräsentative Demokratie ersetzt. Das Klügste zu Gauck kommt von Verdi, die sonst mit Klientelpolitik glänzt. „Entscheidend ist nicht, was er bisher gesagt hat“, ermahnt deren Sprecher Christoph Schmitz die Zitatelieferanten, sondern „was er im Amt sagt“.

Warum wird Wladimir Putin am Sonntag wieder zum russischen Präsidenten gewählt?

Weil es nach Jahrhunderten Zarismus, 70 Jahren Politbüro und einer gescheiterten marktwirtschaftlich-demokratischen Revolution keine richtige Opposition gibt. Warum nicht? Weil der Putinismus konkurrierende Machtzentren – Gerichtsbarkeit, Medien und Wirtschaft – unter Kreml-Kuratel gestellt hat. Es hilft auch das älteste Mittel der Welt, der Nationalismus, mit dem man den demokratischen Streit zum Verrat an Mütterchen Russland stilisieren kann. Erst wenn sich eine autonome Zivilgesellschaft etabliert (die sich formiert), wird der russische Sonderweg beendet sein.

Ein Wort zum Außenminister…

Der verspricht Serbien Hilfe beim EU-Beitritt und Humanitäres für Somalia. Er will auch ein „Anerkennungssignal“ für die syrische Opposition. Derlei bescheidene Kärrnerarbeit außerhalb des Rampenlichts ist gut für die Koalition, die unter dem Angriff der bösen FDP-Buben (Gauck-Putsch mit Rot-Grün) lädiert worden ist.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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