Meinung : Jubeln will gelernt sein

Falsche Vergleiche: Warum der Widerstand der Iraker die Amerikaner überrascht hat

Malte Lehming

Die Russen haben für Stalin gekämpft und die Deutschen für Hitler. Doch nicht nur das: Die Tyrannen wurden sowohl gefürchtet als auch verehrt. Die Bevölkerung lag ihnen, ganz buchstäblich, zu Füßen. Eine kluge Kommentatorin der „Washington Post“ hat vor kurzem an das Bild jener inständig trauernden Nordkoreaner erinnert, als vor knapp zehn Jahren Kim Il Sung gestorben war. Der Diktator hatte Hunderttausende in Konzentrationslager gesteckt. Trotzdem war die Trauer um ihn echt. Tagelang haben die Menschen bitterlich geweint. Der Rest der Welt stand vor einem Rätsel.

Der Irak-Krieg stellt die Amerikaner vor ein ähnliches Rätsel. Warum verteidigen viele Iraker so heftig das Regime von Saddam Hussein? Warum feiern sie nicht ihre Befreiung? Solche Verwunderung über den irakischen Widerstandswillen zeugt von Naivität und falschen historischen Analogien. Wenn sie von „Befreiung“ reden, denken viele Amerikaner an Osteuropa und die Völker auf dem Balkan. Sie denken an das „neue Europa“, das sie liebt. Vom Baltikum über Polen bis Rumänien: In all diesen Ländern strömt ihnen Dankbarkeit entgegen.

Doch in Japan und Deutschland zum Beispiel hat nach dem Zweiten Weltkrieg keiner über die „Befreiung“ gejubelt. Das änderte sich erst, als Marschallplan, Care-Pakete und Rosinenbomber die Not linderten und den Aufschwung versprachen. Der Unterschied ist einfach: Die osteuropäische Bevölkerung hatte stets das Gefühl, unter einer fremdbestimmten Tyrannei zu leiden. Die Strippenzieher saßen in Moskau. Deswegen konnte sich bei ihnen Freiheitswille mit Nationalismus paaren. In Hitler-Deutschland, Stalin-Russland und Kim-Il-Sung-Nordkorea war das anders. Dort war der Diktator gewissermaßen „einer von uns“.

Aus diesem Gefühl, verbunden mit einem gewissen Charisma des „Führers“, resultiert Anhänglichkeit. Jedes totalitäre Regime gründet sich auf Angst und die Verteilung von Pfründen. Durch Gestapo, Stasi und Securitate werden die Menschen eingeschüchtert, durch ein ausgefeiltes System von Prämien und Privilegien zum Mitmachen ermuntert. Doch Stalin, Hitler und Kim Il Sung versprachen ihren Landsleuten mehr. Sie hatten Visionen, Missionen, verströmten Sendungsbewusstsein. Viele Russen, die für Stalin kämpften, teilten dessen Ansichten. Viele Deutsche, die für Hitler kämpften, wollten mehr als nur die Grenzen ihres Vaterlandes ausdehnen.

Das Regime von Saddam Hussein liegt irgendwo zwischen originärer und fremdbestimmter Diktatur. Die Schiiten im Süden des Landes empfinden die säkulare, faschistisch geprägte, sunnitische Baath-Herrschaft mit Sicherheit als aufgezwungen. Allerdings ist bei ihnen die Angst vor Saddam, durch leidvolle Erfahrung, groß. Abgelehnt wird die Bagdad-Herrschaft auch von den Kurden im Norden. Bei diesen beiden Bevölkerungsgruppen verfangen die nationalistischen Durchhalteparolen, die Saddam jetzt verzweifelt aussenden lässt, kaum.

Weitaus schwieriger ist es, die Günstlinge des Regimes von der Notwendigkeit eines Wandels zu überzeugen. Deren Zahl ist groß. Ähnlich wie einst in den kommunistischen Staaten, wo ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in die Schnüffeldienste des Regimes aktiv eingebunden war, hat auch Saddam Hussein ein Heer von Kollaborateuren geschaffen. Sie sind ihm treu ergeben und gleichzeitig ausgeliefert. Sie fürchten ihn und bewundern seine Macht.

Natürlich hat der irakische Widerstandswille auch mit nationaler Selbstbehauptung und mit Gegnerschaft zu Amerika zu tun. Außerdem hat es in der arabischen Welt – im Unterschied zu Polen, der DDR, Ungarn und der Tschechoslowakei – nie einen demokratisch motivierten Volksaufstand gegen einen Despoten gegeben. Aber im wesentlichen kämpfen die so genannten Fedajin aus derselben Motivation für Saddam wie früher die Russen für Stalin und die Deutschen für Hitler. Das einzig Überraschende daran ist, wie überrascht die Amerikaner darüber sind.

Zwei Lehren hält dieser Krieg daher schon jetzt bereit. Erstens: Die „Befreiung“ wird nur dann eine sein, wenn sie als solche wahrgenommen wird. Die Amerikaner müssen so schnell wie möglich beweisen, dass ihre Absichten lauter sind. Das muss im täglichen Leben spürbar sein. In jedem Winkel des Irak müssen sich die Menschen über Marschall-Plan, Rosinenbomber und Care-Pakete freuen. Zweitens: Das wird länger dauern, als mancher in Washington hofft. Mehr als zwölf Jahre sind seit dem Ende des Kommunismus vergangen. Und noch immer gedeiht in vielen osteuropäischen Ländern die Sehnsucht nach den „guten alten Zeiten“. Besonders die Deutschen wissen, wie langsam „verwüstete Seelen“ heilen. Der Streit darüber, ob der 8. Mai 1945 wirklich ein Tag der Befreiung war, tobte bis vor wenigen Jahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben