Meinung : Juckeln im Oldtimer

Die deutsche Stammzellforschung gerät in die Sackgasse

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Alexander S. Kekulé Ein Team kalifornischer Stammzellforscher sorgt dieser Tage international für Aufregung: Sämtliche bislang hergestellten StammzellLinien, so die Hiobsbotschaft, sind für die Anwendung am Menschen unbrauchbar. Wer mit den neuen Wunderwaffen Menschen therapieren will, muss deshalb frische Stammzell-Linien herstellen – also noch einmal Embryos opfern.

Aus embryonalen Stammzellen kann theoretisch jedes beliebige Gewebe des Körpers hergestellt werden. Es besteht deshalb die Hoffnung, mit Hilfe im Labor gezüchteter „Ersatzteile“ eines Tages Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Diabetes oder Querschnittslähmungen zu heilen. Allerdings müssen für die Herstellung von Stammzellen etwa fünf Tage alte, stecknadelkopfgroße menschliche Embryonen zerstört werden. Deshalb hat der Deutsche Bundestag nach langer Debatte entschieden, dass nur mit Stammzell-Linien geforscht werden darf, die vor dem 1. Januar 2001 hergestellt wurden. Eine ähnliche Stichtagregelung verbietet in den USA staatliche Zuschüsse für die Forschung mit neueren Stammzell-Linien.

Wie das Team vom Salk Institute und der Universität San Diego jetzt herausfand, werden die bislang hergestellten Stammzell-Linien jedoch vom menschlichen Immunsystem heftig abgestoßen. Der Grund dafür ist, dass humane Stammzellen üblicherweise auf einer Schicht abgetöteter tierischer Zellen („feeder layer“) gezüchtet und zusätzlich mit tierischem Blutserum stimuliert werden. Dabei nehmen die Stammzellen ein nur bei Tieren vorkommendes Molekül (N-Glykolyl-Neuraminsäure) auf und bauen es ihn in ihre Zelloberfläche ein. Der Körper des Patienten würde daraus gewonnenes Ersatzgewebe deshalb mit tierischem Material verwechseln und sofort zerstören. Für die Therapie am Menschen, so die Autoren der Studie, müssten also neue Stammzellen ohne Verwendung von tierischem Material hergestellt werden. Von Boston bis Berlin fordern die Befürworter der umstrittenen Technik jetzt lautstark, die Stammzellforschung endlich aus ihrer gesetzlichen Zwangsjacke zu befreien.

Das neue Argument dürfte hierzulande wenig Erfolg haben. Dass die vor dem Stichtag hergestellten Stammzell-Linien für die Therapie ungeeignet sind, war nämlich vonvornherein klar: Die „feeder layer“ sind größtenteils mit Krebs erzeugenden Viren infiziert, was eine Anwendung am Menschen ohnehin ausschließt. Auch aus anderen Gründen sind die vor dem Stichtag hergestellten Oldtimer-Zellen nicht für die praktische Anwendung, sondern nur für die Erforschung des Prinzips zu gebrauchen. Deutsche Wissenschaftler haben dieses Problem bereits während der Bundestagsdebatte angemahnt, ohne Erfolg.

Staaten wie Singapur und Südkorea, die weniger ethische Bedenken haben, sehen in der Stammzellforschung schon länger ihre historische Chance. Nachdem auch Kalifornien aus der restriktiven US-Politik ausscherte und ein Drei-Milliarden-Dollar-Programm für die Forschung an embryonalen Stammzellen startete, liegen seit Januar ähnliche Vorschläge in New Jersey (380 Millionen) und New York (1 Milliarde) auf dem Tisch.

Mit den musealen Prototypen aus der Steinzeit der Stammzellforschung ist das Wettrennen um praxistaugliche Therapien nicht zu gewinnen – ebenso gut könnte ein alter Silberpfeil gegen moderne Formel-Eins-Boliden antreten. Wenn Deutschland bei dieser Zukunftstechnologie noch mitmachen will, muss die Stammzelldebatte neu eröffnet werden.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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