Meinung : Jugoslawien: Der Mikadospieler von Belgrad

Christoph von Marschall

Vojislav Kostunica als Mikadospieler: Nur äußerst behutsam kann Jugoslawiens neuer Präsident das komplexe Gebilde ineinander verkeilter Machtstrukturen entwirren. Löst er ein Problem heraus, droht ihm das nächste auf die Füße zu fallen. Auch gestern, beim Bittgang zu Milo Djukanovic, dem Regierungschef der kleineren Teilrepublik Montenegro. Djukanovic hatte, solange Milosevic herrschte, einen vorsichtigen Abspaltungskurs verfolgt. Und deshalb hatte seine Partei die gesamtjugoslawische Wahl vom 24. September boykottiert.

Kostunica möchte Montenegro im Staatsverband halten und bietet Djukanovics Partei Posten im Kabinett an. Dafür müsste der akzeptieren, dass ein Mitglied seiner innermontenegrinischen Opposition, die treu zu Milosevic stand, gesamtjugoslawischer Premier wird. Ein Montenegriner muss es sein wegen des Proporzes. Serbien stellt mit Kostunica bereits das Staatsoberhaupt. Und einer der Sozialisten muss es sein, weil die wegen Djukanovics Boykott fast alle montenegrinischen Mandate holten; ohne sie hätte Kostunica keine Mehrheit im Belgrader Parlament.

Eine ziemliche Zumutung für Djukanovic: Geht er auf den Deal ein, stärkt er seine Opposition und akzeptiert nachträglich eine gewisse Legitimität der Wahl. Dazu wäre es ein Signal gegen die Abspaltung. Deshalb lehnt er ab. Sein letztes Wort? Er hat jetzt eine gute Ausgangsposition für den Poker um die Erhaltung weitgehenden Proporzes zwischen den ungleichen Teilrepubliken: Serbien hat zehn Millionen, Montenegro 600 000 Einwohner.

Doch Djukanovic muss auch bedenken, dass die internationale Unterstützung für eine Sezession nachlässt. Jugoslawien scheint auf dem Weg zur Demokratie zu sein. Und: Wäre Eigenstaatlichkeit bei einem so kleinen Land mehr als nur ein Etikett? Wie viel tatsächliche Souveränität kann so ein Zwerg überhaupt haben, der ökonomisch abhängig ist von den Nachbarn, mit denen die Wirtschaft seit Jahrzehnten eng verflochten ist? Eigenstaatlichkeit für Montenegro, ja oder nein: Darauf gibt es weder völkerrechtlich noch politisch eine eindeutige Antwort. Djukanovic muss Kosten und Nutzen abwägen. Das Ergebnis könnte auch sein, dass sein Land mehr Macht und Einfluss hat, wenn er weitgehenden politischen Proporz in einem neuen, demokratischen Jugoslawien durchsetzen kann. Wenn nicht, bleibt ihm immer noch das Sezessionsreferendum.

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