Jungen und Mädchen im Sportunterricht : Getrennt turnt es sich besser

Aus Rücksicht auf muslimische Schüler sollten Schulen getrennten Sportunterricht anbieten, meint Peer Steinbrück. Dabei ist der Grund für eine solche Trennung nicht die Religion, sondern die unterschiedliche Entwicklung der Jugendlichen im Pubertätsalter.

Norbert Böhnke
Schülerinnen beim Sportunterricht.
Schülerinnen beim Sportunterricht.Foto: dpa

Vergangene Woche äußerte sich Peer Steinbrück zu der Frage, ob muslimischen Schülern ein getrennter Sportunterricht ermöglicht werden soll: „Wenn die Schulen es einrichten können, sollten sie da Rücksicht auf die religiösen Gefühle nehmen und getrennten Sportunterricht anbieten.“ Die „Bild“ und „Welt“ berichten daraufhin sogleich: CDU und FDP kritisieren den Vorschlag, um dann flugs zu schlussfolgern, dass der Kanzler-Kandidat Steinbrück immer mehr an Boden verliert. Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky kommentierte: „ Das ist eine sehr unglückliche Äußerung von Herrn Steinbrück. Junge Leute brauchen moderne gesellschaftliche Orientierung – in Ergänzung oder auch im Gegensatz zu tradierten Familienriten. Mädchen und Jungenschulen hatten wir vor 150 Jahren. Wir haben in Deutschland eben keine Geschlechtertrennung. Es kann nicht sein, dass wir jetzt die gesellschaftliche Uhr zurückdrehen.“ Sportkameradin Angela Merkel bläst ins gleiche Horn.

Mit dem Problem der koedukativen Erziehung im Sportunterricht haben sich mittlerweile Generationen von männlichen und weiblichen Sportwissenschaftlern und -praktikern beschäftigt. Auch feministische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen plädieren dafür, den Sportunterricht in der Regel während der Pubertät geschlechtergetrennt durchzuführen. Das Rundschreiben des Senats über die Organisation des Sportunterrichts vom 5. Januar 1993 nimmt Bezug auf das „2. Aktionsprogramm für den Schulsport“ der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder, des Deutschen Sportbundes und der kommunalen Spitzenverbände aus dem Jahre 1985. In dem Rundschreiben heißt es unmissverständlich: „Dementsprechend ist der Sportunterricht in der Regel ab Klassenstufe 5, jedenfalls ab Klassenstufe 7 für Jungen und Mädchen getrennt zu erteilen.“

Dies ist im Schulsport auch nunmehr seit vielen Jahren gängige Praxis von Neukölln über Zehlendorf bis Marzahn. Ich lade den Sportexperten Buschkowsky gerne zum Sportunterricht in meine Schule ein. Dort kann er sich vor Ort den Unterschied zwischen koedukativen und nichtkoedukativen Sportklassen angucken. Aus organisatorischen Gründen gibt es nämlich vereinzelt auch koedukativen Sportunterricht. Dies führt aber regelmäßig zu riesigen Problemen für Mädchen, Jungen, Sportlehrerinnen und Sportlehrer. Diese Probleme haben null Prozent mit dem Islam oder anderen Religionen zu tun, aber 100 Prozent mit den unterschiedlichen Entwicklungen der Jugendlichen im Pubertätsalter.

In dem Rundschreiben aus dem Jahre 1993 heißt es zur Begründung der Praxis im Schulsport: „Die unterschiedliche Entwicklung von Jungen und Mädchen in ihrem Bewegungsverhalten ist im gleichen Maße zu berücksichtigen. Sportunterricht verfolgt grundsätzlich nicht das Ziel, unterschiedliches Bewegungsverhalten von Jungen und Mädchen und unterschiedliche Niveaustufen in sportlicher Handlungskompetenz zu nivellieren.“ Im Gegensatz zu manchen Politikern, die beim Thema Islam immer nur „Mittelalter“ rufen, weist das Rundschreiben ausdrücklich auf Folgendes hin: „Die Schule hat auch in dieser Frage das natürliche Schamgefühl der Kinder zu beachten und muss allgemein Rücksicht auf die religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen der Eltern nehmen.“

Bei dem Besuch des Sportunterrichts nehme ich Herrn Buschkowsky, Frau Merkel und weitere Experten des Schulsports gerne auch in die Sport-Grundkurse der Oberstufe mit. Dort sind dann die Hauptstürme der Pubertät vorüber, und dort kann er dann dabei zuschauen, wie muslimische Mädchen mit sicherheitstechnisch korrekt gebundenen Kopftüchern zusammen mit christlichen, atheistischen oder auch buddhistischen Jungen Sport treiben. Nicht nur an meiner Schule, sondern auch nach Auskunft der regionalen Fachkonferenz Sport gibt es in der Praxis dabei so gut wie gar keine Probleme.

Der Autor ist Fachleiter Sport an der Carl-Zeiss-Schule in Berlin.

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