Meinung : Keine Pioniere

Warum Jugendliche im Osten sich sozial weniger engagieren

Simone von Stosch

Good bye, Lenin“ hat alles, um ein Kultfilm zu werden, vor allem in den neuen Ländern. Da kümmert sich in der soeben untergegangenen DDR ein Sohn hingebungsvoll um die aus dem Koma erwachte Mutter. Die Fürsorge geht so weit, dass er ihr eine neue, alte Welt erfindet: eine DDR, in der am Ende Sozialismus und humanes Miteinander keine leeren Worte mehr sind.

Ein schöner Traum. Ein Märchen. Laut den Ergebnissen der Pisa-Studie hat der fürsorgliche Sohn aus „Good bye, Lenin“ wenig mit der Befindlichkeit ostdeutscher Jugendlicher zu tun. So zeigen Schüler im Osten weniger soziales Verantwortungsgefühl als die im Westen: 15-jährige Jungen und Mädchen aus Nordrhein-Westfalen, Bremen und Bayern haben eine große Bereitschaft, sich zu engagieren, besonders gering hingegen ist die Neigung dazu in Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Das ist alarmierend: Wächst im Land der einst verordneten Volkssolidarität eine Generation von Egoisten heran?

Die Shell-Studie 2002 präsentiert ein etwas anderes Bild. Im Osten wie im Westen zeigen die Jugendlichen mehr Verantwortung und Engagement als manch frühere Generation. Sie wollen nicht abstrakt reden oder politisieren, sondern konkret handeln. Die Bereitschaft, sich für die Umwelt oder soziale Projekte einzusetzen, ist hier wie dort vorhanden – allerdings im Westen stärker als im Osten. Ein Trend, der nicht wirklich verwundert. Die ostdeutschen Jugendlichen wurden hineingeboren in eine Zeit des Umbruchs, der extremen sozialen Verunsicherung. Sie haben früh erlebt, dass das, worauf die Eltern ihr Leben gründeten, nichts mehr galt. Das macht skeptisch: gegenüber Gesellschaft im Allgemeinen, besonders aber gegenüber den Werten, die vom Staat verordnet wurden und sich als Illusion erwiesen.

Auch die aktuellen wirtschaftlichen Probleme im Osten sehen die Forscher der Pisa-Studie als Ursache für die geringere Bereitschaft zum sozialen Engagement. Die Ost-Jugendlichen investieren ihre Zeit lieber in eine gute Ausbildung und berufliche Sicherheit. Anlass zum Hoffen geben die Ergebnisse doch: Nicht dort, wo Engagement verordnet wird, ist die Bereitschaft dazu am größten, sondern da, wo junge Menschen Freiräume haben und selbstständig handeln können. Die Verantwortung für das eigene Weiterkommen haben die ostdeutschen Schüler verinnerlicht – das andere kommt schon noch. Mit der Zeit.

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