Kinderbetreuung : Ohne Bindung keine Bildung

Auch für Kinder unter drei Jahren ist ein Kindergarten gut – wenn dessen Qualität stimmt.

Was die Kinder über drei betrifft, sind sich inzwischen alle einig: Es ist gut für sie, zusammen mit Gleichaltrigen einen Teil des Tages in einem Kindergarten zu spielen und zu lernen. Das Recht auf einen (Halbtags-)Kindergartenplatz, das vor einigen Jahren eingeführt wurde, hat entscheidend zu diesem Bewusstsein beigetragen. Kindergarten – das ist ja auch ein Begriff, der die Vorstellung vom Spielen im Freien und vom behüteten Aufwachsen junger Pflänzchen weckt.

Kinderkrippe aber – schon das Wort ist für viele irgendwie befremdlich. Es bezeichnete zunächst einen schlichten Futtertrog aus gebogenem Weidengeflecht. Daran, dass das Wort später auch die Bedeutung „Tagesbetreuungseinrichtung für Säuglinge und Kleinstkinder“ annahm, ist die Weihnachtsgeschichte schuld. Als Möbel war die Futterkrippe, die im Stall von Bethlehem zur Babywiege wurde, kein würdiger Bestandteil bürgerlicher Baby-Erstausstattung. Sie war ein Provisorium, da kann man dem Kölner Kardinal Meisner nur zustimmen. Die ersten „Crèches“ wurden denn auch in Frankreich in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts für die Kinder der Armen eingerichtet.

So verdienstvoll das auch war: Aus heutiger Sicht führt die Bezeichnung „Krippe“ für Einrichtungen, in denen die kleinsten Kinder betreut werden, gleich doppelt in die Irre. Erstens werden in Deutschland heute Krippen, Kita-Kleinkindgruppen und Tagesmütter-Wohnungen vorwiegend von Kindern bevölkert, die längst nicht mehr in eine Babywiege passen, sondern den größten Teil des Tages munter herumkrabbeln oder -laufen. Die ganz kleinen Säuglinge werden – Elternzeit sei Dank – heute in Deutschland überwiegend von ihren Müttern und auch Vätern gehütet. „Wenn wir von Kleinkindbetreuung reden, sprechen wir nicht über das erste Lebensjahr“, sagt Wolfgang Tietze, Leiter des Arbeitsbereichs Kleinkindpädagogik an der Berliner FU.

Auch die zweite Meinung über Krippen ist nicht haltbar: Sie sind heute keine Notlösungen für Mütter, die der Erziehung ihres Babys oder Kleinkinds nicht gewachsen wären. Es sind – das zeigen die Untersuchungen – vor allem die gut ausgebildeten, großstädtischen Eltern, Paare oder Alleinerziehende, die ihre Kids in einer Kinderkrippe, in einer Kita oder bei einer Tagesmutter anmelden. Sie suchen dort mehr als einen Aufbewahrungsort, sie suchen Bildungsangebote. „Ich bin der Meinung, dass das Lernumfeld einer Kindertageseinrichtung jedem Kind guttut“, sagt Horst Jansen, Geschäftsführer des Verbandes Katholischer Tageseinrichtungen – und verweist darauf, dass heute viele Kinder ohne Geschwister, Cousins und Cousinen aufwachsen. Zur sozialen kommt die kognitive Anregung. Die größte Langzeitstudie ihrer Art, vom National Institute of Child Health and Development (NICHD) in Auftrag gegeben, zeigt zum Beispiel, dass Kinder, die schon früh in eine gute „Fremd“-Betreuung kommen, in ihrer Sprachentwicklung profitieren.

Ein wichtiger Schlüssel zum Kitaglück ist nach Ansicht von Praktikern wie der Berliner Psychologin und Erziehungsberaterin Ute Großmann allerdings, dass die Eltern ganz entspannt und ohne schlechtes Gewissen zu ihrem Entschluss stehen. Und dass sie zu Beginn, in der Phase der Eingewöhnung, eine gute Portion Zeit und Geduld mitbringen. Ein kleines Kind kann eben nur auf Entdeckungstour gehen, wenn am neuen Ort jemand ist, von dem es sich trösten lässt. Ohne Bindung keine Bildung.

Natürlich steht und fällt die Sache mit der Qualität der Einrichtung. Dafür gibt es Kriterien, und inzwischen wurden erste Kita- Tüvs erarbeitet. Eltern sollen erkennen können, wie gut die Einrichtung ist, der sie ihr Kostbarstes anvertrauen.

Ein- bis Dreijährige werden meist noch gewickelt, brauchen besonders intensive körperliche Zuwendung, sie brauchen anders ausgebildete Betreuungspersonen, sie brauchen andere Spielsachen als die Älteren. Das allein spricht aber nicht dagegen, sie in einer Einrichtung „außer Haus“ betreuen zu lassen. Schon wahr: Krippen sind keine Kindergärten. Aber Kindergärten sind auch keine Schulen, Schulen wiederum keine Universitäten. Wir brauchen das volle Bildungsangebot, angemessen für die jeweilige Altersstufe. Das heißt nicht, dass man für die allgemeine „Schulpflicht“ ab eins plädieren sollte.

Adelheid Müller-Lissner ist Tagesspiegel-Autorin und Verfasserin des gerade im Verlag Ch. Links erschienenen Buches „Unter drei schon aus dem Haus? Eine Entscheidungshilfe für junge Eltern“.

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