Meinung : Kirch in Turbulenzen: Teile und Herrsche

Verkehrte Welt: Der hoch verschuldete Leo Kirch bittet zur Kasse. Die Banken wollen seine Beteiligung am Axel-Springer-Verlag kaufen und locken sich gegenseitig aus der Reserve. Wer bietet mehr? Wer bekommt den Zuschlag? Was sich eben noch anhörte, als würde Kirch ausgezählt, klingt heute ganz anders: Kirch lässt bitten.

Die Banken, denen er rund sechs Milliarden Euro schuldet, heben den Finger, weil es endlich wieder etwas zu holen gibt im auseinanderfallenden Reich des "Filmhändlers". Doch kommt Kirch wirklich wieder auf die Beine? War alle Aufregung umsonst? Seine Gläubiger buhlen um Milliardengeschäfte: Kirch ist nicht nur am "Bild"-Zeitungs-Verlag Springer beteiligt, sondern hält auch die Fernsehrechte an den Publikumsrennern Formel 1, Fußball-WM und Bundesliga. Engagements, die er vor Jahren mit dem Geld der Banken teuer einging, und die er jetzt loswerden muss. Denn Kirch braucht Bares.

Dabei geht es nicht um den Rettungsversuch eines Mittelständlers. Anders als die Bruchpiloten am Neuen Markt hat es die Kirch-Gruppe in die Sendezentrale der deutschen Medienwirtschaft geschafft. Zusammen mit dem Springer-Konzern, Bertelsmann-RTL und den öffentlich-rechtlichen Sendern teilt sich Kirch die Macht auf einem der lukrativsten Fernsehmärkte der Welt. Die Pro Sieben-Sat 1-Familie, die RTL-Gruppe, ARD und ZDF - diese Aufteilung ist politisch stabil konstruiert und konserviert worden. Nur: Echter Wettwerb sieht anders aus.

Die noch immer offene Frage lautet: Wird Kirch am Ende noch so mächtig sein, wie er war? Die Politik will diese Macht offenkundig nicht schmälern und bevorzugt eine "deutsche Lösung" des Falls, wie der Bundeskanzler bekräftigt hat. Der Kandidat Edmund Stoiber wird sich als einer der größten Förderer Kirchs hüten, von dieser Linie abzuweichen und sich gegen Schröder zu stellen. Klar scheint inzwischen zu sein, dass sich beide mit einer Einmischung zu Gunsten Kirchs die Finger verbrennen würden. Um es gar nicht so weit kommen zu lassen, warnen Kanzler und Kandidat deshalb lieber vor der Gefahr, die von außen kommt: in Gestalt des australischen Unternehmers Rupert Murdoch, der von Kirch 1,6 Milliarden Euro für seinen Premiere-Anteil fordern und ihn damit ruinieren kann. Was Murdoch wirklich will - und ob er überhaupt noch etwas in Deutschland will - ist überaus vage. Doch die Warnung zeigt Wirkung.

Das wissen auch die Banken, die sich etwas leiser in den Chor der Angstmacher einreihen. Mit Ausnahme von Deutsche-Bank-Chef Rolf E. Breuer, der Kirch öffentlich für kreditunwürdig erklärte und sich mit diesem Stilbruch ins Abseits manövrierte. Vorerst jedenfalls. Denn flankiert von der Politik, die den Status Quo erhalten will und Kirch größeren Übeln wie Murdoch vorzieht, könnten Kirchs Gläubiger am Ende die Sieger sein. Sie würden vom Verkauf seiner Filetstücke am meisten profitieren.

Vorausgesetzt, Kirch gibt einen Teil seiner Macht freiwillig ab. Das Mauscheln und Tricksen müsse ein Ende finden, sagen seine Kritiker und ziehen Vergleiche zu Skandal-Pleiten wie der des US-Konzerns Enron. Doch der Vergleich hinkt. Kirch ist, nach Lage der Dinge, kein Betrüger. Er war und ist ein Exzentriker, ein Extrem-Unternehmer, der die Medien, die er für seine Geschäfte gebraucht hat, bis zur Selbstverleugnung gemieden hat. Das verschaffte ihm die Aura des Dunkelmanns, des geheimnisvollen Paten. In guten Zeiten kann das im Glamour-Geschäft förderlich sein. In schlechten Zeiten ist es geschäftsschädigend.

Kirch handelt mit einer außergewöhnlichen Ware. Das Geschäft mit Film- und Fernsehrechten zählt zu den letzten unternehmerischen Abenteuern, weil der Wert von Filmen und Sportereignissen mit den Moden und Geschmäckern des Publikums schwankt. Dafür ist nicht jeder geschaffen. Viele haben es trotzdem versucht - und sind grandios gescheitert. Leo Kirch ist von anderer Statur. Aber auch der 75-Jährige scheint gerade erst zu verstehen, dass er sich übernommen hat. Es geht um sein Lebenswerk, wohl wahr. Gibt Kirch aber einen Teil seiner Macht nicht ab, wird er sein Reich nicht zusammenhalten können. So ist das in der Mediendemokratie.

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