Meinung : Klänge der Großstadt

Pascale Hugues, Le Point

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Kaum ist der Sommer da, verwandeln sich die Berliner Balkons in Opernlogen. Seit ein paar Tagen bin ich gegen meinen Willen einer kakophonischen Acapella-Performance ausgeliefert, die sich auf zwei Bühnenebenen gleichzeitig abspielt. Unten auf der Straße: donnernde Bagger und streitende Arbeiter, die Gasleitungen reparieren. Ein tyrannischer Bariton befiehlt: „Hier wird nüscht jebohrt, hab ick jesacht!“ Ein serviler Tenor antwortet: „Wird jemacht!“ Der Bürgersteig ähnelt einem Schweizer Käse. Oben, über den Wipfeln der Kastanien: dröhnende Hammerschläge. Im Spinnennetz eines riesigen Gerüsts hocken Handwerker, die die Balkons auf der anderen Straßenseite ausbessern. Ein Transistorradio säuselt einen Liebesschlager. Vollkommen betäubt träume ich von dem legendären neapolitanischen Handwerker, der seine Maurerkelle über sonnengetränkte Ziegel gleiten lässt, während er ein harmonisches Belcanto singt.

Die Pünktlichkeit ist eine preußische Tugend, von der sich die Berliner Bauarbeiter leider bis heute nicht befreit haben. Um Punkt sieben Uhr morgens müssen die Vögel verscheucht und die Kinder aus dem Schlaf gerissen werden, damit der Tag mit einem solo fortissimo der Bohrmaschine beginnen kann. Und jeden Morgen zur gleichen Stunde ergreift mich die Sehnsucht nach den ultrapolitisierten und nörgeligen Arbeitern meines Heimatlandes, die, wenn sie nicht gerade zu spät kommen, gleich ganz zu Hause bleiben, weil sie im Streik sind. Nichts dergleichen in Berlin. Erst um neun Uhr legt sich plötzlich eine beinahe beunruhigende Stille über die Straße. Die Arbeiter unten auf dem Bürgersteig lehnen lässig an den bonbonrosafarbenen Plastikwänden ihrer mobilen Klokabinen. Durch den Kaffeedampf hindurch, der aus ihren Thermoskannen aufsteigt, konsumieren sie die magere spirituelle Nahrung, die ihnen die „Bild“ bietet. Ihre Kollegen oben auf dem Gerüst sind derweil wie Trapezkünstler auf einer 20 Meter langen Holzplanke aufgereiht. Mettwurstgraubrote mampfend lassen sie ihre Blicke über die Dächer von Berlin schweifen. Es ist die erste Pause des Tages. Es wird bei weitem nicht die letzte sein. Wenig später folgt die Hygienepause (ich mache Pipi und qualme dabei eine Zigarette), dann die virtuelle Pause (ich tippe eine SMS in mein Handy), die Flirtpause (ich pfeife hübschen Mädchen auf der Straße hinterher) und die Wetterpause (ich flüchte vor ein paar Regentropfen ins Trockene).

Um ein Uhr mittags erreicht die Sonne ihren Zenit. Der Schweiß perlt, der Atem wird flach, die Bewegungen langsam. Allegro ma non troppo. Die Hosen hängen auf halbmast. Tätowierungen prangen auf angespannten Bizepsen. Körper glühen krebsrot. Um halb vier schließlich kehrt der Gesang der Vögel zurück, ansonsten herrscht engelsgleiche Stille. Unten wie oben ist der Arbeitstag beendet. Doch auf den Balkons hat man sich zu früh gefreut: Die Ruhe ist nur ein kurzer Zwischenakt, schon wenig später erfüllen neue Klänge die Straße. Aus dem Büro zurückgekehrte Heimwerker nehmen ihre Bohrer in Betrieb. Die manische Hauswartsfrau aus dem Erdgeschoss mäht ihren taschentuchgroßen Rasen. Die Alarmanlage des Autos, dessen Besitzer für Wochen in Urlaub sind, lässt ein langgezogenes, hysterisches Heulen los. Ein einsamer Hund, der auf die Rückkehr seines Herrchens wartet, stimmt freudig ein. Derweil entdeckt ein Dreijähriger sein Talent zum Solisten und führt mitten auf dem Bürgersteig einen exzentrischen Wutanfall auf. In der Nacht erfüllt ein Sommerfest den Hinterhof bis zur Dämmerung mit rauschhaften Klängen. Und um Punkt sieben Uhr beginnt die „Symphonie einer Großstadt“ von Neuem.

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