Klima- und Finanzgipfel : Wer regiert das Geld?

Der Volksmund hat recht: Geld regiert die Welt: Aber leider schlecht. Deshalb treffen sich in New York die Vereinten Nationen und in Pittsburgh die 20 mächtigsten Staaten, um über Klima und Finanzkrise zu beraten.

Tissy Bruns

Höchste Zeit, die alte Volksweisheit ernst zu nehmen. Geld regiert die Welt, erst recht, seit die kapitalistische Marktwirtschaft die sozialistische Planökonomie überlegen besiegt hat und als globales Modell übrig geblieben ist. In dieser Woche treffen sich in New York die Vereinten Nationen und in Pittsburgh die 20 mächtigsten Staaten, um über Klima und Finanzkrise zu beraten. Das müssen sie, weil der Volksmund recht hat: Geld regiert die Welt, und zwar schlecht.

Klima- und Finanzkrise haben eine Gemeinsamkeit. Beide sind Folge eines gigantischen Marktversagens. Im Falle des Klimas hat die Rationalität der Märkte nicht gereicht, um den wirklichen Preis des industriellen Wirtschaftens zu ermitteln. Die Natur und die Zukunft der Menschheit sitzen nicht mit am Tisch, wenn die auf ihren Nutzen abzielenden Marktakteure ihre Konditionen aushandeln. Die Industriebarone, die unbekümmert das Ruhrgebiet verpestet haben, befanden sich zu ihrer Zeit noch im Stand der Unschuld: Sie kannten die Folgen für den Globus nicht. Moralische Grundsätze wie Haftung, Verursacherprinzip, Verantwortung für die Nachkommenden sind dem frühen Kapitalismus abgetrotzt worden an den Schattenseiten, die man damals sehen konnte, an Kinderarbeit, Hungerlöhnen, Schwerstarbeit. Dass der blaue Himmel die schwarzen Wolken über der Ruhr vertreiben konnte, dafür musste lange politisch gekämpft werden.

Die Moral hatte zudem den Vorteil, dass Grenzen für den Wettbewerb und Regeln für den freien Markt den auch ökonomisch langfristigeren Nutzen beweisen konnten. Grob gesagt: Am besten fährt der Kapitalismus mit Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Und die Menschen am besten mit einer Marktwirtschaft, der auf die Finger gesehen wird. Die gesellschaftlichen Prozesse, die dazu nötig sind, nennt man Politik.

Anders als die frühen Industriellen haben sich die Finanzjongleure nie im Stand der Unschuld gegenüber den Folgen ihres Tuns befunden. Sie haben die Weltwirtschaft ja vergiftet, weil sie wussten, dass ihre zu hohen Risiken in faulen Schuldtiteln versteckt werden mussten. Und es waren Politiker, die in den letzten zwanzig Jahren gar nicht genug dafür tun konnten, diese Märkte von bestehenden Grenzen zu befreien – und sich selbst überflüssig zu machen. Deregulierung war das dominierende Deutungsmuster. Verständlich ist das allenfalls psychologisch: Thatcher, Blair, Schröder, Merkel haben in der internationalen Konkurrenz der Finanzmärkte „ihren“ eigenen verteidigt. Gerät Frankfurt ins Hintertreffen, wenn die Cityboys von London freier agieren dürfen? Zu mehr war nationale Politik gegenüber den global agierenden Wirtschaftseliten kaum willens und fähig. Die hatten und haben ein neues Erpressungspotenzial auf ihrer Seite: die Drohung, höhere Profite und billigere Arbeitskräfte an anderen Standorten als an ihren angestammten zu suchen.

Natur und Zukunft müssen erst an den Tisch gesetzt werden. Und das geht nur mit einer Autorität, die über den Märkten steht. Nur Politik kann den Klimawandel so gestalten, dass seine Folgen nicht ins Unheil führen. Und wieder kann sich ihr moralisches Gebot in Nutzen für die Märkte ummünzen. Nicht die Autoindustrie hat den innovativen Nutzen der Energiefrage für neue Produkte entdeckt. Das war die „Wisdom of the Crowds“, die Weisheit der Vielen: Wissenschaftler, neue soziale Bewegungen, demokratische Öffentlichkeiten haben aus den Grenzen des Wachstum zuerst richtige Schlüsse gezogen. Und nur durch eine global abgestimmte politische Regulation kann die internationale Finanz- und Wirtschaftswelt davon abgehalten werden, die Staaten und ihre Bürger ein weiteres Mal in ihre Geiselhaft zu nehmen. Politik muss es wieder wollen: der Wirtschaft Grenzen setzen.

Schwer zu machen? Allerdings. Man kann die Welt vielleicht nicht verändern. Aber man muss es doch wenigstens versuchen! Wer heute Politik als Beruf ergreift, muss sich als Weltverbesserer verstehen. Es ist nämlich höchste Zeit, dass die Welt das Geld regiert.

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