Meinung : Kohle ohne Kohle

Der Klimawandel kann Deutschland viele Vorteile bringen – wenn die Welt ihn ernst nimmt

Dagmar Dehmer

Viel Zeit bleibt der Welt nicht mehr, sich zu überlegen, wie sie auf den Klimawandel reagieren will. 2015 muss der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) seinen Höhepunkt erreicht haben. Dann müssen die Emissionen bis 2050 um mindestens die Hälfte sinken. Anderenfalls wird die globale Erwärmung mehr als zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung (1750) betragen. Das halten die Wissenschaftler des Weltklimarats (IPCC) aber für nicht mehr kontrollierbar.

Doch der IPCC hat auch eine gute Nachricht parat: Wir können die Wende mit schon vorhandenen und in der Entwicklung steckenden Technologien schaffen. Und zwar ohne die Weltwirtschaft dabei zugrunde zu richten. Etwa 0,12 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung jährlich würden genügen, um die Welt zu retten. Das sollte uns nicht zu teuer sein. Vor allem, wenn man bedenkt, wie hoch die Kosten sein werden, wenn wir dem Klimawandel weiter tatenlos zusehen. Der britische frühere Weltbankökonom Nicolas Stern rechnet mit Kosten von etwa 20 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung, die für die Klimafolgekosten aufgebracht werden müssten, wenn alles so weitergeht wie bisher. Das entspricht in etwa der Erschütterung, die die Weltwirtschaftskrise 1929 ausgelöst hat – noch vorsichtig geschätzt.

Dagegen bietet der klimafreundliche Umbau der Weltwirtschaft große wirtschaftliche Chancen. Das fängt bei Effizienzprogrammen an, die zunächst einmal mehr Geld einbringen als kosten. Marktverzerrungen, wie beispielsweise Subventionen für Klimakiller wie Kohle oder andere fossile Energieträger, verhindern bisher, dass dieser volkswirtschaftliche Schatz auch gehoben wird.

Dass sich mit erneuerbaren Energien gutes Geld verdienen lässt, zeigt die Erfolgsgeschichte der deutschen Wind- und Solaranlagenbauer, die zu Exportweltmeistern aufgestiegen sind und tausende Arbeitsplätze geschaffen haben. Das gibt es nicht umsonst. Doch das Erneuerbare-Energien- Gesetz, über das jeder Stromverbraucher den Ausbau der umweltfreundlichen Energieträger mitfinanziert, ist eine kostengünstige Möglichkeit, neue Technologien auf den Markt zu bringen. Wenn vom kommenden Jahr an der europäische Emissionshandel ernsthaft betrieben wird, könnten die erneuerbaren Energien noch schneller wettbewerbsfähig werden.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem IPCC-Report ist: Es wird keinen Kapitalismus mehr geben, wenn er nicht grün wird. Unser Wirtschaftssystem kann in Zukunft nicht mehr darauf beruhen, fossile Energieträger wie Kohle, Öl oder Gas zu verbrennen. Doch wenn es uns gelingt, unsere Wirtschaft effizienter zu machen und sie mit klimafreundlichen Energiequellen anzutreiben, muss es uns um die Zukunft nicht bange sein. Damit es so kommt, brauchen wir in diesem Jahr mutige politische Entscheidungen für den Klimaschutz. Vom Gipfel der Industriestaaten in Heiligendamm muss das Signal ausgehen: Wir nehmen unsere Verantwortung ernst, und wir gehen voran.

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