Kolumne "Ich habe verstanden" : Angst vor Charismatikern

Was haben Jürgen Klopp und Harald Schmidt gemeinsam? Beide sind Charismatiker, können also andere Menschen für ihre Sache gewinnen. In seiner neuesten Kolumne erklärt Matthias Kalle, warum ihm solche Menschen ein wenig Angst machen.

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Kolumnist Matthias Kalle denkt nicht in Schubladen – oder doch?
Kolumnist Matthias Kalle denkt nicht in Schubladen – oder doch?Foto: Promo

Ich konnte das nie so genau erklären, aber vor Charismatikern hatte ich irgendwie immer Angst. Obwohl Angst es vielleicht nicht genau trifft, es ist wohl eher eine Mischung aus Skepsis, Ratlosigkeit und Unwohlsein.

Wieso komme ich da jetzt überhaupt drauf? Ach so: In den vergangenen Tagen war ja immer so viel von Jürgen Klopp zu lesen, dem Trainer des Fußballvereins Borussia Dortmund. Klopp muss wohl als Charismatikern gelten, aber er kokettiert mit dieser Klassifizierung, denn vor kurzem sagte er, dass er diesen Rummel um seine Person „grenzwertig“ finden würde, und ich bin mir nicht sicher, ob so eine Aussage den Rummel nicht eher befeuert als ihn beendet.

Klopp also gab einige Interviews, ebenso Harald Schmidt, am Freitag im „Tagesspiegel“, am Donnerstag in der „Zeit“ am vergangenen Sonntag in der „Bild am Sonntag“ – ist Schmidt auch ein Charismatiker? Aufmerksame Leser wissen, dass ich mich regelmäßig vor den Leistungen Schmidts verneige, aber ich würde den Mann niemals interviewen, ich habe keine Fragen an Schmidt, und vielleicht habe ich auch ein bisschen Angst vor ihm, obwohl – wie Eingangs erwähnt – Angst es ja nicht immer genau trifft.

In dem Gespräch in der „Zeit“ jedenfalls zerstörte Schmidt, unterstützt von Rene Pollesch, den Begriff der Authentizität, das war notwendig, aber gibt es einen Zusammenhang zwischen Charisma und Authentizität?

Charisma bedeutet: Gnadengabe, demnach ist ein Charismatiker jemand mit einer Begabung, gepaart mit Ausstrahlung und Einfluss, Max Weber untersuchte einmal die „charismatische Herrschaft“, also die Beziehung zwischen einem Charismaträger (Herrscher) und einem Charismagläubigen (Volk), und wenn man mal ehrlich ist, waren das meist keine guten Beziehungen, wie zum Beispiel zwischen Hitler (Herrscher) und den Deutschen (Volk). Vielleicht denke ich deshalb dauernd, dass ich lieber von einem technokratischen Beamten regiert werden möchte als von einem Strahlemann, dem ich mich nicht entziehen könnte. Andererseits: Wäre ich US-Amerikaner, ich würde im November Barack Obama wählen und nicht Mitt Romney, dessen Rede bei seiner Ernennung zum Präsidentschaftskandidaten einen ungefähr so vom Stuhl gehauen hat wie die Leistungen der deutschen Schwimmer bei den Olympischen Spielen. Zum wem will man also aufschauen? Wer soll dafür sorgen, das man Nachts ruhig schlafen kann?

Der Politologe Franz Walter schrieb vor drei Jahren ein Buch über die Charismatiker in der bundesdeutschen Geschichte, dazu zählen: Konrad Adenauer, Oskar Lafontaine, Helmut Kohl, Joschka Fischer, Franz-Josef Strauß. Diesen Männern (warum sind das eigentlich immer ausschließlich Männer? Können Frauen keine Charismatikerinnen sein?) bescheinigt Walter „political leadership“, Führungskraft, und die würde sich auszeichnen durch Machtbewusstsein, Instinkt, Visionen und – aufpassen! – Authentizität. Dabei gilt ja heute schon einer aus authentisch, wenn er sich nicht die Zähne putzt.

Ich glaube, am liebsten sind mit immer noch die Menschen, die einfach nur ihre Arbeit erledigen. Der Trainer Jürgen Klopp soll die Mannschaft von Borussia Dortmund trainieren, damit sie schönen und erfolgreichen Fußball spielt. Der Entertainer Harald Schmidt soll mich unterhalten. Und Politiker sollen den Willen des Volkes umsetzen. Alles andere will ich nicht wissen, alles andere geht mich nichts an, alles andere würde nur den klaren, kalten Blick der Beurteilung trüben.

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