Kolumne "Ich habe verstanden" : Steinbrück nutzt sein Talent

Peer Steinbrücks Vortragswut mag von Psychologen als Profilneurose gewertet werden. Doch unser Kolumnist Matthias Kalle mahnt zu Gelassenheit: Schließlich nutzt der SPD-Kanzlerkandidat nur sein Talent - und spricht oft sogar kostenlos.

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Peer Steinbrück (SPD) Foto: dpa
Peer Steinbrück (SPD)Foto: dpa

Kennen Sie das auch? Diese Momente der Einsamkeit? Die Stunden des Unverstandenseins? Die Tage, in denen man daran zweifelt, ob man selbst oder aber all die anderen so ganz allmählich den Verstand verlieren? Kennen Sie natürlich auch, sonst würden Sie ja nicht jede Woche diese Kolumne lesen.

Und in dieser Woche, leider logisch, geht es also um Peer Steinbrück, genau gesagt: darum, was manche Menschen so von Steinbrück halten und um die Art und Weise, wie sie dies kundtun. Im Fernsehen liefen darüber ein paar interessante Sachen, zum Beispiel am Montag, in der ARD, „hart aber fair“ mit Frank Plasberg.

Ich gehöre jetzt nicht zu den größten Fans von Plasberg, aber man muss auch mal eine Stärke benennen, wenn man sie sieht, und ein Stärke von Frank Plasberg besteht darin, dass der Mann die Ruhe behält, wenn alle anderen sich aufregen (leider ist das umgekehrt auch der Fall, aber das tut diesmal nichts zur Sache). Plasbergs Gelassenheit während des Talks über Steinbrücks Offenlegung seiner Nebeneinkünfte war jedenfalls angebracht – sie führte ihn auch zu der interessanten Frage an die Linken-Chefin Katja Kipping, ob ihr Engagement für ein „Refugee Camp“ am Brandenburger Tor nicht auch ein kleines bisschen was mit Lobbyismus zu tun habe – nur eben für eine „gute“ und „ehrenwerte“ Sache. Plasbergs Gelassenheit im Falle Steinbrück – der nüchterne Blick – scheint mir die richtige Antwort zu sein auf all die tugendhaften Kommentare. Keine Rede der Welt ist 25.000 Euro wert? Na ja. Kein Mensch der Welt ist 94 Millionen Euro wert, und doch hat Real Madrid diese Summe an Manchester United überwiesen, nur damit Christiano Ronaldo bei denen Fußball spielt.

Ich gehe davon aus, dass Steinbrück nicht Fußball spielen kann – er hat seine Talente woanders, und ich bin davon überzeugt, dass man seine Talente nicht verschleudern darf, sondern dass man sie nutzen sollte. Steinbrück macht das, und wenn man sich mal anschaut, WAS Steinbrück bei seinen Reden alles so erzählt hat, WIE er mit diesen Leuten umgegangen ist, die ihm diese hohen Honorare zahlen, dann zeigt das auch Steinbrücks Talent den Leuten nicht unbedingt das zu erzählen, was die vielleicht hören wollen. Abgesehen davon hat Steinbrück in der Vergangenheit über 200 Vorträge kostenlos gehalten.

Jetzt kann es natürlich sein, dass so eine Vortragswut unter Psychologen „Profilneurose“ genannt wird, aber vielleicht ist eine Profilneurose ja auch vonnöten, wenn man Politiker sein will. Ich habe keine Profilneurose, ich weiß es nicht. Dafür weiß ich aber, dass der Deutsche Bundestag ein Arbeitsparlament ist, dass heißt, dass Gesetzesvorlagen hauptsächlich in Ausschüssen und Fraktionen erarbeitet werden, und dass die Debatten, die wir so zu sehen kriegen, vor allem der Information dienen – reden im Deutschen Bundestag ist also nicht die Hauptbeschäftigung eines Bundestagsabgeordneten, weshalb die Gegenüberstellungen zwischen bezahlten Vorträgen und Reden im Parlament zumindest fragwürdig erscheinen.

Und vielleicht wissen das dann doch mehr Menschen und wissen es auch einzuschätzen. Dienstagabend im „heute journal“ kam ein kleiner Bericht über die SPD-Basis, ein Treffen eines Düsseldorfer Ortsverbandes, klassische Sozialdemokraten. Und einer, der auch noch so aussah, wie sich ein CDU-Wähler einen „Sozi“ vorstellt, sagte in die Kamera, er fände das gut, dass die SPD einen Kanzlerkandidat mit „richtig Kohle“ habe.

Und bei so einer Aussage müssten doch all diesen langweiligen Neid-Spießer-Stammtisch-Tugendwächtern das Freibier aus der Hand rutschen. Macht nix. Die nächste Runde geht auf Peer.

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