Kolumne "Ich habe verstanden" : Weniger ist manchmal mehr

"Weniger ist mehr", heißt ein Sprichwort. Unser Autor ist von "Immer mehr..."-Unterzeilen genervt, denn "mehr" ist relativ. Und manchmal ist weniger wirklich angemessener.

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Google findet stets kreative Ergänzungen, auch für "Immer mehr..."
Google findet stets kreative Ergänzungen, auch für "Immer mehr..."Foto: Imago

Immer mehr Unterzeilen zu Texten in Zeitungen und Magazinen beginnen mit den Worten „immer mehr...“, zum Beispiel auf dem Cover des aktuellen „stern“. Zu einer Geschichte, die sich die Frage stellt, ob man Kinder braucht um glücklich zu sein, steht da: „Immer mehr Deutsche sagen: Nein.“

Immer mehr. Wie viele es aber sind oder ob es sich gar um eine Mehrheit handelt – darüber sagt diese Zeile nichts aus. Vielleicht waren es vor zwei Jahren 3 Prozent, jetzt sind es 3,2 Prozent – dann stimmt natürlich die Zeile, aber sie transportiert eine Wucht, die in den wahren Zahlen nicht drinsteckt. Außerdem bleibt der tatsächliche Informationsgehalt sehr gering. Immer mehr Deutsche ernähren sich gesund. Das stimmt wahrscheinlich – aber das heißt natürlich noch lange nicht, dass die Deutschen plötzlich ein Volk von Vollkostverehrern wären.

Sie merken schon, worauf ich hinaus will, oder? Vielleicht noch ein Beispiel: Ich kenne zwei Männer, die bis vor kurzem keinen Bart hatten und jetzt doch. Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass immer mehr Männer jetzt einen Bart tragen. Leider machen tatsächliche sehr viele Magazine genau aus dieser sehr schlichten Beobachtung eine Geschichte – und schon glaubt manch einer, das Tragen eines Bartes sei ein Trend, etwas, dass im Moment „jeder“ mitmache.

Kämpfen in Syrien statt Auswanderung in die Schweiz

Ich glaube, man muss mit so etwas irre vorsichtig sein – sonst bekommt man noch das Gefühl, man sei ein Freak und verstehe die Welt um einen herum nicht mehr. Wenn man zum Beispiel in die Suchabfrage von Google eintippt „immer mehr Deutsche...“, dann vervollständigt Google die Suche so: „... wandern aus“, „... kämpfen in Syrien“, „...verlassen die Schweiz“. Mit anderen Worten: Immer mehr Deutsche leben weder in Deutschland noch in der Schweiz, sondern in Syrien, wo sie ihr Brot mit Kämpfen verdienen.

Immer mehr Männer sind schwul und unfruchtbar

Was weiß Google über die Männer? „Immer mehr Männer...“ „... Single“, „...schwul“, „... unfruchtbar“. Das ergibt, zusammengenommen, ein sehr seltsames Männerbild. Wie steht es um die Frauen? „Immer mehr Frauen...“ „...bleiben kinderlos“, „... gehen fremd“, „...rauchen“.

Und immer mehr Journalisten....?

Wenn tatsächlich stimmt, was immer behauptet wird, das nämlich Google alles über uns weiß, dann kann einem ob dieser Ergebnisse angst und bange werden. Vor allem, wenn man dann mal ganz egoistisch was wissen möchte: „Immer mehr Journalisten...“ „... droht der soziale Abstieg.“

Mit der Formulierung, dass „immer mehr“ dieses oder jenes tun, dass „immer mehr“ dieses oder jenes passiert, scheint man also irgendwie nicht weiterzukommen. Immer weniger wäre besser.

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